Wer heute nach der Probe den Autoschlüssel zückt, denkt meist an Fahrgemeinschaften – oder an die Promillegrenze. In den 1950er-Jahren stellte sich diese Frage beim Musikverein Oberderdingen ganz anders: Es gab genau ein Auto. Und das gehörte „Musikervater“ Kurt Bonzheim. Seine Liebe zur Blasmusik und zum Musikverein Oberderdingen, dem er damals als jüngstes Mitglied im Alter von 14 Jahren bereits ein Jahr nach der Vereinsgründung beitrat, ging so weit, dass er selbstverständlich sein Fahrzeug für Vereinszwecke zur Verfügung stellte. Sein Goggomobil erwies sich dabei als klein, tapfer und erstaunlich belastbar. Transportierte es doch mitunter sechs bis acht Musiker gleichzeitig. Und so ging es – wie die Chronik berichtet – einmal im Pendelverkehr zur Besenwirtschaft nach Sternenfels, Instrumente inklusive.
Diese allerdings, insbesondere sperrige Exemplare wie die Posaune, mussten dabei aus Platzgründen außen am Fahrzeug befestigt werden – eine Praxis, die heutige Verkehrspolizisten vermutlich in den Albtraum treiben würde. Doch damit nicht genug: Bei der dritten oder vierten Rückfahrt – die Chronik ist sich nicht ganz sicher – ging dem Goggo mitten auf der Strecke der Sprit aus. Also wurde bis zur Tankstelle geschoben. Nach erfolgreicher Betankung kehrte man zurück, um die restliche Truppe abzuholen. Diese hatte sich die Wartezeit allerdings musikalisch verkürzt – und zwar so lautstark, dass sich die Nachbarschaft beschwerte und der Wirt kurzerhand ein „Blasverbot“ verhängte. Was folgte, war – natürlich – Ehrensache: Beim nächsten Besuch wurden die Instrumente einfach durchs Seitenfenster geschmuggelt. Das anschließende „Finale furioso“ hatte es so in sich, dass sich Teile der Decke und die Vorhangschienen spektakulär verabschiedeten. Das Ergebnis: Der Musikverein Oberderdingen war in Sternenfels vorerst kein gern gesehener Gast mehr.
Doch auch gänzlich ohne Auto wusste man sich in Oberderdingen zu helfen. Nach einer Probe im Gasthaus „Waldhorn“ sollte es weiter zum „Besen“ nach Hohenklingen gehen. Da kein Fahrzeug verfügbar war, nutzte man kurzerhand einen Traktor mit Anhänger. Der Tatsache, dass dieser mit Gülle befüllt war, wurde zunächst keine große Beachtung geschenkt und so begann die Fahrt vielversprechend – bis zur Steigung hinter dem Bernhardsweiher. Dort kapitulierte der Bulldog unter der Last von Musikern und Gülle. Doch aufzugeben, war für die Musiker keine Option. Wie sich die Musiker aus der misslichen Lage befreiten, darüber gibt die Chronik Auskunft: „Kurzerhand wurde das Ventil geöffnet und die stinkende Brühe ergoss sich über die Ladefläche auf den Waldweg“. „Unbeschwert“ setzten die Musiker ihre Fahrt fort – eine stechende Geruchsfahne hinter sich herziehend. Zeitzeugen berichten, dass auf dem Heimweg einigen Mitfahrern übel wurde. Und das soll dieses Mal ausdrücklich und ganz sicher nicht am Wein gelegen haben.
Solche Episoden zeigen mit einem Augenzwinkern, wie viel Improvisation, Gemeinschaftssinn – und gelegentlich auch Leidensfähigkeit – in den Anfangsjahren der Blasmusik steckten. Oder anders gesagt: Der Weg zum Auftritt war manchmal schon die beste Geschichte.
Herbert Kiefer/ Martina Faller