Das Vereinsleben schreibt mitunter Geschichten, die selbst die beste Festschrift kaum erfinden könnte. Eine davon ereignete sich in Wyhlen – und sie handelt von einer Vereinsfahne, einer offenen Zeche und einem ziemlich findigen Gesangverein.

Im Jahr 1844 fanden sich im damals nur wenige hundert Einwohner zählenden Wyhlen einige musik-und sangesbegeisterte Männer zusammen und gründeten einen gemeinsamen Gesang- und Musikverein. Zwei Jahre später gab es bereits ein sichtbares Zeichen des Vereinsstolzes: 1846 wurde die erste gemeinsame Vereinsfahne feierlich geweiht. Ihre historische Aufschrift lautete: „Gesang- und Musikverein von Wyhlen 1846“. Doch die gemeinsame Geschichte von Musikern und Sängern sollte nicht von Dauer sein. Nach den Wirren der Badischen Revolutionsjahre, in denen Vereinstätigkeit und gemeinsames Wirken untersagt waren, trennten sich die beiden Sparten vermutlich um 1864. Von da an gingen der Musikverein Wyhlen und der Gesangverein „Frohsinn“ Wyhlen getrennte Wege. Die alte Vereinsfahne blieb zunächst beim Musikverein. Doch dann nahm die Geschichte eine ausgesprochen kuriose Wendung.
Eine Zeche mit Folgen

Eines Abends – so berichtet die Vereinschronik – seien die Musiker im Gasthaus Ochsen in froher Runde beisammengesessen und „hätten Hunger und Durst ordentlich gestillt“. Am Ende war „die Zeche ziemlich hoch“ – und zwar offenbar so hoch, dass die Musiker sie nicht bezahlen konnten. Doch der Ochsen-Wirt wusste sich zu helfen: Er nahm kurzerhand die wertvolle Vereinsfahne als Pfand an sich. Was die Musiker vermutlich als vorübergehendes Missgeschick betrachteten, wurde für die Sänger zur Chance. Als diese von der gepfändeten Fahne erfuhren, ergriffen sie die Gelegenheit beim Schopfe und lösten das gute Stück beim Wirt aus. So gelangte die Fahne, die einst von Musikern und Sängern gemeinsam angeschafft worden war, in den Besitz des Gesangvereins „Frohsinn“ Wyhlen – und dort blieb sie auch. So wurde aus einem kleinen finanziellen Missgeschick ein Stück Vereinsgeschichte. Die Fahne, die 1846 den gemeinsamen Anfang von Gesang und Musik symbolisiert hatte, erinnert heute zugleich an die spätere Trennung der beiden Vereine – und an einen bemerkenswerten Moment, in dem eine offene Gasthausrechnung über den weiteren Weg eines Vereinssymbols entschied. Erst viele Jahrzehnte später, 1924, zum 80-jährigen Bestehen, schaffte der Musikverein eine neue Vereinsfahne an, die im Rahmen eines internationalen Musiktreffens feierlich geweiht wurde. Bis heute wird sie bei offiziellen Anlässen vorangetragen oder ausgestellt. Die alte Fahne aber erzählt ihre ganz eigene Geschichte. Und vielleicht steckt darin sogar eine kleine Lektion für das Vereinsleben: Wer seine Zeche nicht bezahlt, sollte zumindest aufpassen, was er als Pfand zurücklässt.