Wertungsspiele und Wettbewerbe zwischen Leistungsvergleich, Motivation und musikalischer Entwicklung

Die Idee des musikalischen Leistungsvergleichs ist mindestens so alt wie die organisierte Blasmusik selbst. In 100 Jahren Blasmusikgeschichte haben sich nicht nur die Formate von Wertungsspielen und Wettbewerben verändert. Es hat sich auch ein fundamentaler Wandel des Verständnisses von musikalischer Bewertung vollzogen. Das Ziel indes ist geblieben: gemeinsam besser werden – und dabei die Freude an der Musik und die Gemeinschaft pflegen.
Es ist ein Frühsommertag des Jahres 1933. In Freiburg herrscht Ausnahmezustand: Der Bund Südwestdeutscher Musikvereine richtet sein erstes großes Bundesmusikfest aus. Über 200 Musikkapellen beteiligen sich am Festzug und vom frühen Morgen mit dem „Wecken“ auf dem Münsterplatz oder dem Choralblasen von den Türmen der Stadt, über das gemeinschaftliche Gesamtspiel im Universitätsstadion bis hin zum abendlichen Gala-Konzert ist die Zähringerstadt drei Tage lang erfüllt von Blasmusik. Etwas mehr als 100 Kapellen haben sich außerdem für das Preisspiel angemeldet. In sechs Lokalen und in vier Stufen wollen sie sich mit anderen Kapellen messen und dem Urteil des insgesamt 18-köpfigen Preisgerichts stellen. Eine Preisspiel-Ordnung regelte streng den Ablauf. Demnach hatte jede Kapelle ein Selbstwahlstück sowie ein „Aufgabestück“ zu spielen. Für Letzteres stand eine Vorbereitungszeit von vier Wochen zur Verfügung. In einem vorab an alle teilnehmenden Vereine verschickten Rundschreiben wurden die Musiker zudem auf einen Verhaltenskodex eingeschworen, der als „oberstes Gebot für sämtliche Kapellen und deren Mitglieder […] unbedingte Disziplin“ einforderte und verlangte, „dass im Trinken Maß gehalten wird, […] um die alten Gerüchte von einem feuchtfröhlichen Musikantentum aus der Welt zu schaffen“. Damit das Preisspiel reibungslos vonstatten gehen konnte, sollte „das Antreten zum Preisspiel […] rasch und in der größten Ruhe geschehen. Während eine Kapelle spielt, muss die nächste Kapelle in Bereitschaft stehen, jeder Musiker die erforderlichen Noten dazu in der Hand“.
Diese straffe Organisation war angesichts der vielen teilnehmenden Orchester notwendig. Denn – und darin sind sich die Quellen einig – das Preisspiel im Rahmen des 1. Bundesmusikfestes 1933 in Freiburg war ein musikalisches Großereignis und ein erster Höhepunkt der noch jungen organisierten Blasmusik. 1926, erst wenige Jahre zuvor, hatten sich die südwestdeutschen Musikvereine in einem gemeinsamen Dachverband, dem Vorläufer des heutigen Bundes Deutscher Blasmusikverbände, zusammengeschlossen. Und schenkt man den Worten der ersten Satzung Glauben, dann spielten die Musikfeste und Preisspiele für den Zusammenschluss eine bedeutende Rolle. Heißt es dort doch: „Einer der wichtigsten Gründe für die Notwendigkeit des Zusammenschlusses der Musikverbände […] besteht darin, den Musikkapellen die Möglichkeit zu geben, auch an Musikfesten und Preisspielen anderer Verbände unter den gleichen günstigen Bedingungen wie im eigenen Verbande teilnehmen zu können. Das kann jedoch nur dann erreicht werden, wenn diese Veranstaltungen auf gleicher Grundlage organisiert werden.“
Wettbewerbe und Wertungsspiele als Motoren der musikalischen Entwicklung
Wertungsspiele und Wettbewerbe gehören zu den ältesten Instrumenten der organisierten Blasmusik, nicht nur, um musikalische Leistung sichtbar zu machen. Bereits um die Jahrhundertwende veranstalteten die regionalen Verbände regelmäßig Verbandsmusikertage und Preisspiele. Was sie als ausdrückliche Verbandsaufgabe ansahen, verfolgte bestimmte Zwecke. Welche das waren, das lässt sich wunderbar im „Urtheil des Kampfgerichts“ nachlesen, in dem die Ergebnisse des Wettspiels im Rahmen des 2. Musikfestes des Breisgau-Markgräfler-Musikvereins-Verbandes 1894 in Pfaffenweiler veröffentlicht wurden. Dort schreiben die Kampfrichter in ihrem Schlusswort: „Sollten unsere wohlgemeinten Räthe und Winke beherzigt werden, so würden wir darin die Befriedigung erblicken, dass es uns vergönnt gewesen wäre, auch ein wenig zur Förderung und Belebung des Musikwesens beigetragen zu haben.“ Auch in der Satzung des neu gegründeten Dachverbandes wird die Förderung der musikalischen Entwicklung der Vereine als Hauptantriebsfeder für die Veranstaltung von Musikfesten und Preisspielen festgeschrieben. Insofern ging die Funktion dieser Veranstaltungen weit über das reine Kräftemessen hinaus. Vielmehr ging es um Entwicklung und Qualitätssteigerung. Gab dies den Vereinen doch ein Ziel vor, auf das es hinzuarbeiten galt. Es zwang – im besten Sinne – zur intensiven Beschäftigung mit der Musik. Register mussten zusammenfinden, Intonation und Rhythmus mussten stimmen, musikalische Gestaltung wurde zur gemeinsamen Aufgabe. Und natürlich spielte der Wettbewerb eine Rolle. Ein gutes Ergebnis bedeutete Anerkennung – für den Verein, für die musikalische Leitung und für die einzelnen Musiker. Gerade in einer Zeit, in der ein Musikverein häufig Mittelpunkt des kulturellen Lebens einer Gemeinde war, waren solche Erfolge identitätsstiftend. Wie ernst die musikalische Vorbereitung damals bereits genommen wurde, zeigt ein Blick auf die Literatur. Der Bund Südwestdeutscher Musikvereine legte in seiner Satzung nicht nur die Qualitätsstandards fest, indem er vorschreibt, dass „zum Preisspiel […] nur musikalisch wertvolle Musikstücke zugelassen werden [sollen]“. Vielmehr veröffentlichte er im Herbst 1929 erstmals „ein Verzeichnis geeigneter Musikstücke“. Neben Bearbeitungen großer Meister fanden sich darin bereits erste Originalkompositionen für Blasorchester. Die Literaturlisten waren damit mehr als bloße Hilfsmittel für die Auswahl eines Wettbewerbsstücks. Sie spiegelten den musikalischen Wandel: Die Blaskapelle sollte nicht länger ausschließlich Bearbeitungen spielen, sondern erhielt zunehmend Zugang zu einer eigenständigen Blasorchesterliteratur. So wurde das Preisspiel auch zum Motor musikalischer Entwicklung. Wer teilnehmen wollte, musste sich mit anspruchsvollerer Literatur auseinandersetzen. Und wer sich im Wettbewerb behaupten wollte, musste diese Literatur musikalisch überzeugend gestalten.
Doppelcharakter: Musik als Wettbewerb und Gemeinschaftserlebnis
Die Förderung der Musikvereine sowie die musikalische Entwicklung und Qualitätssteigerung der Blasmusik insgesamt waren zwar ein wesentlicher Aspekt der Musikfeste und Preisspiele, beileibe aber nicht der einzige. Hand in Hand ging diese Intention vielmehr von Anfang an mit dem Wunsch, auch „die kameradschaftliche Zusammengehörigkeit innerhalb des Bundes zu pflegen“.
Das Bundesmusikfest 1933 in Freiburg macht diese Verbindung von Wettbewerb und Gemeinschaft besonders anschaulich. Neben dem Preis- und Wertungsspiel gab es „kameradschaftliche Zusammenkünfte“, Feste, den Festumzug sowie ein großes gemeinsames Musizieren. Im Universitätsstadion wurde Dörles Festmarsch Nr. 1 als Gesamtchor aufgeführt. Das Bild ist bemerkenswert: Auf der einen Seite die einzelnen Kapellen, die sich im Wettbewerb messen. Auf der anderen Seite bringt der Wettbewerb Musiker zusammen, schafft Begegnungen und gibt den Vereinen Anlass, aus dem eigenen Umfeld herauszukommen. Dieser Doppelcharakter ist bis heute erhalten geblieben.
Knapp ein Jahrhundert später ist die Situation dennoch eine andere – und doch erstaunlich vertraut. Wieder sitzen Musikerinnen und Musiker vor ihren Noten, wieder wird die Probenintensität gesteigert, zu Hause zusätzlich geübt, gemeinsam an Intonation, Zusammenspiel und Dynamik gefeilt, wieder steigt die Spannung vor dem ersten Ton. Doch die Frage lautet heute nicht mehr nur: Wer ist besser? Sie lautet zunehmend: Wo stehen wir – und wie können wir uns weiterentwickeln? Denn mit der Zeit veränderte sich die Perspektive. Aus dem klassischen Preisspiel entwickelte sich ein differenziertes Wertungsspielwesen.

Freiburg war der Austragungsort für das 1. Bundesmusikfest des 1926 neugegründeten Dachverbandes. Foto: Archiv des BDB
Der direkte Vergleich blieb bestehen, doch neben der Platzierung gewann die Frage an Bedeutung, welchen Nutzen die Bewertung für die weitere musikalische Arbeit hat. Der BDB unterscheidet deshalb heute bewusst zwischen Wettbewerb und Wertungsspiel. Beim Wettbewerb steht der Leistungsvergleich im Mittelpunkt: Es gibt einen Sieger und eine Rangfolge. Doch auch hier soll das Ergebnis eine Standortbestimmung ermöglichen. Beim Wertungsspiel dagegen steht ausdrücklich die pädagogische Ausrichtung im Vordergrund. Eine unabhängige Fachjury bewertet den musikalischen Leistungsstand und gibt dem Orchester anschließend in einem ausführlichen Feedback-Gespräch konkrete Hinweise für seine weitere Entwicklung.
Damit ist der Wettbewerb keineswegs überholt. Im Gegenteil: Der Wunsch, sich mit anderen zu messen, gehört zum Wesen des Musizierens. Ein Wettbewerb setzt Energie frei. Er schafft ein konkretes Ziel und kann ein Orchester dazu bringen, über Wochen und Monate besonders konzentriert zu arbeiten. Auch der BDB beschreibt Wettbewerbe und Wertungsspiele als wichtige Motivation: Die intensive Auseinandersetzung mit der Literatur fördert die Gesamtentwicklung eines Orchesters. Das gemeinsame Bewältigen des Vorspiels kann einen zusätzlichen Motivationsschub für die weitere musikalische Arbeit geben. Der Unterschied liegt deshalb weniger darin, ob verglichen wird, sondern vielmehr darin, was aus dem Vergleich gemacht wird. Ein Ergebnis kann ein Pokal, ein Preis oder eine hohe Punktzahl sein. Es kann aber ebenso ein Impuls sein oder Antworten auf die konkreten Fragen: Wie klingt unser Gesamtklang? Wie sicher ist die Intonation? Wie transparent sind die Stimmen? Wie überzeugend ist die Artikulation? Wie gelingt die musikalische Gestaltung? Wo liegen unsere Stärken – und wo müssen wir uns noch verbessern, und worauf unser Augenmerk richten?
Der entscheidende Wandel: von der Punktzahl zum Prädikat, vom Urteil zur Rückmeldung
Punkte allein können auf diese Fragen keine befriedigenden Antworten geben. Der BDB hat deshalb vor einigen Jahren die Punktwertung bei Wertungsspielen zugunsten von Prädikatswertungen abgelöst. Matthias Wolf, Vorsitzender des Musikbeirats, erläuterte, dass dahinter der Wunsch stand, „den Charakter des Wertungsspiels stärker von einem reinen Leistungsvergleich abzugrenzen“. Diese Veränderung brachte unweigerlich auch einen Wandel der Jurorenrolle mit sich. In den frühen Preisspielen der Blasmusik war die Funktion des Jurors zunächst vor allem die des Preisrichters. Schon die Begrifflichkeiten „Kampfgericht“, „Preisgericht“ und „Preisrichter“ lassen an der damaligen Erwartung keine Zweifel: Die zentrale Aufgabe bestand darin, Leistungen zu vergleichen, Punkte zu vergeben und letztlich eine Rangfolge beziehungsweise Preisstufe zu bestimmen. Das Urteil des Preisrichters hatte entsprechend ein erhebliches Gewicht: Es entschied darüber, welchen Preis eine Kapelle mit nach Hause nahm. Stand damals die Vergabe von Punkten und Noten sowie die Platzierung im Wettbewerb im Mittelpunkt, geht es heute zunehmend um differenziertes Feedback, Beratung und musikalische Weiterentwicklung. Das moderne Jurymitglied hingegen bewertet nicht nur präzise und fachlich fundiert, was ein Orchester leistet, sondern analysiert und zeigt auf, wie sich das Orchester weiterentwickeln kann. Fachliche Kompetenz wird dabei durch Kommunikationsfähigkeit und Coaching-Kompetenz ergänzt.
Vom Preisgericht zur musikalischen Beratung und Wegbegleitung
Aus dem Preisrichter, der einst über Leistung und Platzierung entschied, ist das Jurymitglied zum musikalischen Gesprächspartner und Impulsgeber geworden. Ein Jurymitglied muss heute nicht nur hören und bewerten können. Denn ein fachlich richtiges Urteil kann musikalisch wenig bewirken, wenn es beim Orchester lediglich als Abrechnung ankommt. Doch wenn es gelingt, dass Jurorinnen und Juroren ihre Wahrnehmung verständlich, konstruktiv und motivierend vermitteln, dann ist die Bewertung der Jury heute nicht mehr Endpunkt eines Prozesses, sondern wird zum Ausgangspunkt für die weitere Entwicklung eines Orchesters. Am Beispiel des jungen Formats „Wertungsspiel vor Ort“ wird der Rollenwandel besonders anschaulich. Beim Wertungsspiel vor Ort reist nicht das Orchester zu einer zentralen Wertungsspielveranstaltung, sondern die Jury kommt zum Konzert des Vereins. Das Wertungsspiel wird damit noch stärker in den musikalischen Alltag integriert und zum Bestandteil einer normalen Konzertpraxis – und kann gerade dadurch seinen pädagogischen Wert entfalten. Die Jury sitzt dabei nicht räumlich getrennt vom Orchester und Publikum, sondern mitunter mitten im Publikum und wird so Teil des musikalischen Ereignisses. Entscheidend aber ist das Beratungsgespräch, das meist an einem Zusatztermin, etwa in einer der nächsten Proben, gemeinsam mit dem Dirigierenden und den Musizierenden stattfindet. Schon allein durch die zeitliche Distanz und die sorgfältige Vorbereitung erhalten die Beratungsgespräche eine andere Qualität und sind in den Augen von Bundesmusikdirektor Matthias Wolf „viel durchdachter und bieten die Möglichkeit, auf eine wertschätzende Art wertvolle Tipps zu geben: So bringen sie allen Beteiligten viel mehr. Gerade junge Dirigierende waren für diese Möglichkeit und das Feedback sehr dankbar“, weiß Wolf. Solche neuen Formen des Wertungsspiels, wie das „Wertungsspiel vor Ort“, bestehen heute neben einer Vielzahl von Formaten. Diese Entwicklung ist der zunehmenden Differenzierung der Blasorchesterlandschaft geschuldet und zeigt, wie breit sich das Feld entwickelt hat. Heute gibt es Wertungsspiele für Blasorchester, Ensembles, Bläserklassen, Jugendorchester, Solisten und Marschmusik. Und alle haben ihre eigenen Regularien und Wertungsspielordnungen. Mehr noch: Alle stehen vor der Herausforderung, sich den veränderten gesellschaftlichen Bedingungen anzupassen, um attraktiv zu bleiben.
Im Jugendbereich ist das der BDB-Bläserjugend mit dem Jugendwertungsspiel-Event 2025 anlässlich ihres 40-jährigen Jubiläums gelungen. Die 15 teilnehmenden Ensembles meisterten dabei nicht nur die musikalischen Herausforderungen ihrer Wertungsspielstücke, sondern auch knifflige, sportliche und kreative Challenges und erlebten einen unvergesslichen Tag voller Erfolgserlebnisse und schöner Begegnungen. An dessen Ende stand – ganz in der alten Tradition der Preisspiele und Musikfeste – dann noch einmal die Musik im Mittelpunkt. Vereint im Gesamtchor musizierten die rund 400 Teilnehmenden gemeinsam und umrahmten mit vier Werken die Abschlussfeier, bei der die Leistungen und Ergebnisse aus dem Wertungsspiel und den Challenges gebührend gewürdigt und prämiert wurden. (siehe blasmusik 09/2025).
Dass Wertungsspiele heute Eventcharakter haben, zeigt wie groß der Wandel in hundert Jahren ist. Und doch ist etwas Wesentliches gleichgeblieben. Damals wie heute beginnt ein Wertungsspiel lange vor dem Auftritt. Es beginnt in der Probe. Mit der Entscheidung, sich einer Herausforderung zu stellen. Mit dem gemeinsamen Wunsch, beim entscheidenden Vortrag besser zu sein als beim letzten Mal, und der Bereitschaft von Musikerinnen und Musikern, ihre Stimmen zu üben, zusätzliche Proben in Kauf zu nehmen, um das gesamte Orchester weiterzubringen.
Vielleicht liegt genau darin die Verbindung zwischen den Musizierenden, die vor fast hundert Jahren zu einem Preisspiel antraten, und jenen, die 2026 zum Jubiläumswertungsspiel des BDB auf der Bühne im Bürgerhaus Denzlingen sitzen werden: Sie wollen gemeinsam Musik machen – und sie wollen daran wachsen. Wenn der Bund Deutscher Blasmusikverbände 2026 auf hundert Jahre Verbandsgeschichte zurückblickt, erzählt die Geschichte der Wertungsspiele deshalb mehr als die Geschichte von Punkten, Prädikaten und Platzierungen. Sie erzählt von einem Verband, der musikalische Qualität fördern, Orientierung geben und Vereine miteinander verbinden will. Und daran hat sich bis heute nichts geändert.
Martina Faller