Für Peter Wüstner ist das Alphorn ein lebendiges Instrument mit überraschend vielen Facetten: tief verwurzelt in der Tradition und zugleich offen für Blues, Jazz und moderne Musik. Im Interview spricht der Musiker und Pädagoge über die Faszination des Alphorns, magische Klangerlebnisse in den Bergen, musikalische Herausforderungen und die besondere Kraft des gemeinsamen Spiels. In seinem neuen Kurs „HochAlp“ spielt all das eine besondere Rolle.
blog: Mit „HochAlp – Mit dem Alphorn in neue Höhen“ startest Du 2027 ein neues Bildungsformat an der BDB-Musikakademie. Was bedeutet „HochAlp“ für Dich – und gab es in Deinem Werdegang als Alphornspieler diesen einen besonderen HochALP-Moment?
Wüstner: Als gebürtigem Vorarlberger ist das Alphorn und die traditionelle Alpwirtschaft Teil meiner Familiengeschichte. Über Jahrhunderte hinweg war dieses faszinierende Instrument der Hirten und Sennen untrennbar mit dem Leben auf den Bergwiesen verbunden. Bis heute folgt diese Bewirtschaftung dem Rhythmus der Natur in drei Stufen: Vom Tal geht es im Frühsommer auf die Voralpe – das Maiensäß – und ist der abgeweidet dann schließlich hinauf auf die Hochalpe. Genau dort oben stellt sich für mich ein ganz besonderes Gefühl ein: Ein unendlicher Weitblick, der die Seele berührt, eine wohltuende Stille und das pure Glück, aus eigener Kraft Grenzen überwunden zu haben. Diese wunderschöne Tradition haben wir auf unsere Alphornkurse übertragen: 1. Stufe: Die „SchnupperAlp“ für den perfekten Einstieg. 2. Stufe: Der „AlpAufstieg“ für alle, die höher hinaus wollen. 3. Stufe: Die neue „HochAlp“ als musikalische Krönung.
Wie die Pfade in den Bergen greifen auch diese Kurse nahtlos ineinander. Mit Leichtigkeit und Freude ziehen wir gemeinsam Etappe für Etappe Richtung Gipfel.
Der neue Kurs „HochAlp“ zeigt dabei konkrete Wege auf, wie man sich musikalisch weiterentwickelt – begleitet von einem erfahrenen „Kurs-Bergführer“. Und das Beste: Wer bereits Erfahrung auf dem Alphorn mitbringt, kann natürlich auch direkt auf der dritten Stufe einsteigen!
Meinen persönlichen, magischen „HochALP-Moment“ durfte ich übrigens auf 3.000 Metern Höhe erleben. Gemeinsam mit vier Musikern meines Ensembles standen wir in völliger Abgeschiedenheit, umringt von majestätischen Viertausendern. Während wir im Flachland oft hitzig über Details diskutierten, reichte dort oben ein einziger Blick: Wir setzten an, schlossen die Augen und spielten – und die Musik verschmolz perfekt mit der Unendlichkeit der Berge, ein echter HochAlp Moment.
blog: Die HochAlp ist die dritte Stufe nach „SchnupperAlp“ und „AlpAufstieg“. Was sollten Teilnehmerinnen und Teilnehmer musikalisch mitbringen, wenn sie den Aufstieg auf die HochAlp wagen?
Wüstner: Ein bisschen Neugierde, etwas Kondition und gutes Schuhwerk – den Bergführer stelle ich! Spaß beiseite: Wer die SchnupperAlp und den AlpAufstieg gemeistert und dazwischen fleißig geübt hat, wird auf der HochAlp unvergessliche Momente erleben.
Dieser Kurs richtet sich an Alphornspielerinnen und Alphornspieler, die bereits ein solides musikalisches Fundament und Spielpraxis mitbringen. Wer Noten lesen kann, ein Alphorn in F mitbringt und Lust auf Neues und Freude an der Herausforderung hat, ist hier genau richtig – übrigens auch ohne die ersten beiden Kurse besucht zu haben. Schließlich bringen viele schon Erfahrung von anderen ‚Alpenüberquerungen‘ mit.
Mit diesen Voraussetzungen ist der Aufstieg auf die HochAlp absolut kein Wagnis. Im Gegenteil: Es wird eine reine Freude. Denn wir gehen diesen Weg gemeinsam – im wahrsten Sinne des Wortes und mit den schönsten Aussichten!“
blog: „Raufkommen zum Runterkommen“ lautet das Motto. Was steckt für Dich hinter diesem Satz?
Wüstner: Streben wir nicht alle nach Höherem? Um einen Berg zu bezwingen, braucht es Einsatz – doch oben angekommen, warten pure Glücksgefühle. Genau hier liegt unser Geheimnis als Alphornspieler.
Es gibt kaum etwas Schöneres, als dieses monumentale Instrument inmitten der Natur erklingen zu lassen. Das berührt nicht nur die Zuhörer, sondern vor allem uns selbst. Je höher wir steigen (auch im übertragenen Sinne), desto freier werden wir. Wir lassen den Alltag im Tal zurück, genießen den Moment und finden eine tiefe, innere Harmonie. Kurz gesagt: Das ist Raufkommen zum Runterkommen.
blog: Das Alphorn ist untrennbar mit der Natur verbunden. Warum ist es Dir wichtig, das Instrument nicht nur im Seminarraum, sondern draußen in der Landschaft zu spielen?
Wüstner: Als gelernter Pianist und Posaunist habe ich natürlich mit beiden Instrumenten auch schon unter freiem Himmel musiziert. Doch so sehr ich diese Instrumente auch liebe: Draußen in der Natur verfliegen ihre Töne ungehört – ohne Echo, ohne Resonanz. Ganz anders das Alphorn! Sein obertonreicher, weitreichender Klang tritt in einen echten Dialog mit der Landschaft. Mensch und Tier werden von dieser Magie magisch angezogen. Ob Kühe, Pferde oder Hunde – sie alle lauschen fasziniert. Sogar die Vögel stimmen gefühlt in ein Duett mit ein, während Wanderer aus der Ferne den Ursprung dieser Klänge suchen. Wenn dann an den richtigen Plätzen das Echo antwortet, ist das ein Gänsehautmoment, den man nur in der freien Natur erleben kann. Um das Alphorn so zum Tragen zu bringen, braucht es neben der richtigen inneren Einstellung auch eine ganz besondere Spieltechnik. Die wir herausarbeiten wollen. Aber das Ergebnis? Macht einfach unglaublich viel Freude!“
blog: Was passiert mit dem Klang eines Alphorns, wenn man ihn nicht im Raum, sondern in der freien Natur hört? Und was kann man als Spielerin oder Spieler daraus lernen?
Wüstner: „Das Alphorn klingt am schönsten, wenn man es nicht sieht“, sagt ein altes Sprichwort. Und das stimmt: Sein faszinierender, obertonreicher Klang entfaltet sich erst mit etwas Abstand in der freien Natur so richtig. Überraschenderweise ist das Instrument gar nicht so laut wie eine Posaune oder Trompete. Das wahre Geheimnis liegt im perfekten Zusammenspiel aus Akustik, Holz und der Topographie der Landschaft.
Durch das lange, konische Rohr entstehen tiefe Grundtöne und extrem lange Schallwellen. Diese tiefen Frequenzen umgehen Hindernisse wie Bäume oder Felsen mühelos und werden von der Luft kaum geschluckt – ganz im Gegensatz zu den scharfen Klängen einer Posaune. Poetisch ausgedrückt: Das Alphorn schiebt eine riesige, weiche Luftmasse an, die wie eine sanfte, unaufhaltsame Welle durch das Tal und die Bergwände hinaufrollt. Genau deshalb gehört dieses Instrument einfach nach draußen, mitten in die Natur.
blog: Auf der HochAlp geht es musikalisch in die Höhe – unter anderem geht es um hohe und tiefe Lagen. Was sind aus Deiner Erfahrung die größten Herausforderungen beim Spiel in der Höhe?
Wüstner: Um auf dem Alphorn mit maximaler Ausdauer in die Extreme zu gehen, braucht es das perfekte Zusammenspiel aus Ansatztechnik, Atemführung, Stütze, Gehör und Geduld. Diese Vorgänge simultan zu koordinieren, ist weitaus komplexer, als es das puristische Instrument vermuten lässt.
Viele von uns sind exzellente Blasmusiker mit jahrelanger Erfahrung. Doch das Alphorn hält in der Höhe eine ganz besondere Herausforderung bereit: Wir bewegen uns hier in der vierten Oktave des spielbaren Tonumfangs – das ist meist eine komplette Oktave höher als das, was wir auf klassischen Blechblasinstrumenten gewohnt sind!
Genau diese vierte Oktave ist für uns aber faszinierend. Nur in dieser extremen Höhe liegen die Töne der Naturtonreihe so dicht beieinander, dass eine diatonische Tonleiter überhaupt erst möglich wird. Das bringt allerdings die nächste Hürde mit sich: So eng beieinanderliegende Naturtöne muss man erst einmal präzise treffen!
Sich auf diese spezielle Höhe einzustellen, ist anfangs eine echte Herausforderung. Diese Techniken und vieles mehr üben wir im Seminarraum. Wer sich aber auf feine Anpassungen des Ansatzes einlässt und die richtige Atemtechnik sowie Stütze verinnerlicht, stößt in völlig neue Sphären vor. Das Geniale daran: Dieser Fleiß zahlt sich doppelt aus. Man erlebt nicht nur auf dem Alphorn ein neues Freiheitsgefühl, sondern profitiert umgekehrt auch auf dem eigenen Blechblasinstrument von einer völlig neuen Klangqualität und Höhe.
blog: Neben Tonumfang, Atem und Ansatz spielen Klangqualität, Artikulation, Agogik und Dynamik eine wichtige Rolle. Was macht für Dich einen wirklich guten Alphornklang aus?
Wüstner: Ein Alphorn ist ein Alphorn – es hat seine ganz eigene Geschichte und eine unverwechselbare Seele. Ein echter Alphornton darf niemals nach Posaune, Jagdhorn oder Trompete klingen. Warum auch? Er besticht durch pure Wärme, Volumen und Kraft. Der Klang muss tragen und bildlich gesprochen den Berg hinaufrollen!
Die große Kunst liegt darin, Töne absolut sauber anzuspielen, Legato-Bindungen fließen zu lassen und die Passagen lebendig zu phrasieren. Besonders die tiefen Lagen faszinieren mich: Sie sind das Fundament, der Herzschlag und der Rhythmusgeber jedes Ensembles. Erst ein starker Bass verleiht der Musik die nötige Erdung. Am Ende geht es mir um eines: den typischen, echten Alphornklang zu pflegen. Er soll wie die menschliche Stimme klingen, Gefühle transportieren und Bilder im Kopf entstehen lassen. Nicht mehr und nicht weniger.
blog: Du möchtest mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern mit dem Alphorn auch in neue Gefilde aufbrechen bis hin zu Blues, Jazz und moderner Musik. Was kann das Alphorn musikalisch, was ihm vielleicht viele gar nicht zutrauen?
Wüstner: Was wir heute als „traditionell“ bezeichnen – die dreistimmigen Choräle –, entstand größtenteils erst in den 1960er-Jahren. Blues und Jazz gelten dagegen oft als moderner, untypischer Stilbruch. Aber stimmt das überhaupt?
Wenn wir einen Blick auf die ersten schriftlich notierten Alphornstücke aus der Zeit zwischen 1900 und 1930 werfen, erleben wir eine Überraschung: Sie klingen ganz anders als die heutigen Choräle – sie klingen verblüffend nach Jazz! Dass die Geburtsstunde des Jazz genau in diese Epoche fällt, ist meiner Meinung nach kein Zufall. Die damaligen Musiker nutzten bereits die gesamte Naturtonreihe des Instruments, inklusive des herrlich-schrägen Alphorn-Fas. Vor allem aber improvisierten sie frei. Sie verarbeiteten in ihrer Musik die raue, gefährliche Bergwelt: Geschichten von Lawinen, Gewittern und Berggeistern, den Wunsch nach Segen für das Vieh oder sendeten einen musikalischen Gruß an die Liebste.
Klingt das nicht verdammt nach Jazz und Blues? Im Grunde genommen haben die Bergbauern damals genau das getan, was auch die Wurzel des Jazz und der Worksongs ist: Sie haben sich mit den Tönen der jazzigen Naturtonreihe die Sorgen des Alltags von der Seele gespielt. Selbst das typische Call and Response des Jazz finden wir im Echo und Ruf des Alphorns wieder.
Für mich bedeutet das: Wenn ich Jazz auf dem Alphorn spiele, breche ich nicht in völlig neue Gefilde auf. Ich dringe vielmehr zum Ursprung, zu den wahren historischen Quellen des Instruments vor. Und dort finden wir genau das, was das Alphorn schon immer konnte: Blues und Jazz! Wer nur vermeintlich „traditionelle“ Choräle auf dem Alphorn spielt, dem entgeht etwas wunderbares.“
blog: Du sprichst vom „Blues der Berge“. Was verbirgt sich hinter diesem Begriff – und wie klingt dieser Blues?
Wüstner: „Wir sehen die Berge heute als Sehnsuchtsorte, als Wander- und Wintersportparadiese. Doch diese urbane Brille täuscht: Für die Bevölkerung war das Leben in den Bergen früher das genaue Gegenteil – karg, hart und oft bedrohlich. Lawinen, Bergstürze und kurze Sommer bedeuteten pure Entbehrung. In den langen, abgeschiedenen Wintern hatten viele hier oben den Blues.
Unglücklich waren die Menschen trotzdem nicht. Sie hatten ihren Glauben, ihre Traditionen und vor allem die Musik. In meiner Familie wurde immer musiziert und gesungen. Nicht für Geld, sondern um gemeinsam Freude zu teilen und sich die Sorgen vom Leib zu spielen. Diese tiefe, oft melancholische Verarbeitung des Lebens durch Klänge, die unter die Haut gehen – das ist für mich der wahre ‚Blues der Berge‘. Mit einer geradezu spirituellen Einstellung ins Alphorn gespielt und mit der richtigen Phrasierung versehen, entsteht der Blues auf dem Alphorn fast von allein und entfaltet seine Wirkung. Ohne große intellektuelle Verrenkungen, sondern als reiner Seelentröster. Genau das schafft das Alphorn: Augen schließen, spielen und sich ganz den Schwingungen hingeben. Das erspart oft den besten Therapeuten!“
blog: Das Alphorn hat eine jahrhundertealte Tradition. Wie gelingt es, die historischen Wurzeln des Instruments zu bewahren und gleichzeitig neue musikalische Wege zu gehen?
Wüstner: Niemand will auf Dauer mit dem Alphorn nur Rufsignale zum Einholen des Viehs spielen. Erstens hat glücklicherweise nicht jeder eine Viehherde zu hüten und zweitens hat sich das Alphorn im Lauf seiner Geschichte in Form und Verwendung weiterentwickelt.
„Wir ehren das Alte und grüßen das Neue“ – dieses alte Vorarlberger Sprichwort bringt es auf den Punkt. Für mich beschreibt es perfekt, wie wir das Alphorn lebendig halten. Denn Tradition und Innovation sind kein Widerspruch!
Das Alte zu ehren bedeutet für mich tiefer Respekt vor den Wurzeln des Alphorns als Signal- und Hirteninstrument. Es geht um die Bewahrung der reinen Naturtonreihe und die Wertschätzung für das jahrhundertealte Handwerk des Alphornbaus. Das Neue zu grüßen heißt wiederum: Weltoffenheit. Wir brauchen eine saubere historisch belegte Interpretation traditioneller Alphornmusik UND den Mut zu unkonventionellen Kombinationen – sei es Alphorn im Zusammenspiel mit anderen Instrumenten und beispielsweise Jazz oder die Fusion mit ganz anderen Musikrichtungen.
Nur durch diesen Spagat bleibt das Instrument spannend und staubt nicht als Museumsstück ein.
Das enorme Interesse der letzten Jahre zeigt: Wenn uns diese Balance weiterhin gelingt, bleibt das Horn der Hirten genau das, was es meiner Meinung nach sein sollte: ein dynamisches, atmendes Stück lebendige Kultur.
blog: Ein besonderer Schwerpunkt der HochAlp ist das gemeinsame Musizieren. Was macht gutes Alphorn-Ensemblespiel aus – und warum ist es gerade beim Alphorn eine besondere Herausforderung?
Wüstner: Als Juror bei Wertungsspielen erlebe ich seit Jahren ein fantastisches Niveau. Es ist eine riesige Freude zu hören, wie perfekt ausbalanciert viele Ensembles heute bereits klingen: Ein tragender, sauberer Bass, eine strahlende Oberstimme und eine exakte Mittellage, die alles zu einem dichten Akkord verschmilzt. Das ist der erstrebenswerte Gipfel der Klangkunst!
Das Geheimnis liegt darin, die individuellen Persönlichkeiten zu einem harmonischen Ganzen zu vereinen. Es geht nicht darum, alle gleichzumachen, sondern ein gemeinsames Gefühl für Tonkultur, Artikulation und Dynamik zu entwickeln. Da kleinere Formationen ohne Dirigenten spielen, braucht es fast unsichtbare Signale für Einsätze und Atempausen – und jemanden, der den Gesamtklang im Blick behält und das Vertrauen genießt, sanft zu steuern. Die wahre Kunst des Ensemblespiels ist es, sich selbst zurückzunehmen, perfekt aufeinander zu hören, miteinander zu schwingen und sich im Vorfeld akribisch vorzubereiten. Natürlich ist die Ansprache der Naturtöne und die Intonation der Alphörner eine besondere Herausforderung. Erfolg haben die Ensembles, die wöchentlich proben, regelmäßig an Kursen teilnehmen, sich immer mal wieder einen Coach von außen holen und sich sogar hin und wieder beim Wertungsspiel für Alphornmusik, wie beispielsweise auf der Musikmesse BRAWO im Herbst in Stuttgart, messen.
blog: Du bist seit vielen Jahren als Musikpädagoge, Dirigent und Dozent tätig und arbeitest mit Musikerinnen und Musikern ganz unterschiedlicher Erfahrungsstufen. Was begeistert Dich bis heute daran, Menschen musikalisch weiterzubringen?
Wüstner: Es gibt für mich bis heute nichts Schöneres, als die lebenslange Freude an der Musik zu entfachen. Musik besitzt eine gigantische Kraft und ist ein treuer Freund fürs Leben – diese Liebe weiterzugeben, motiviert mich jeden Tag aufs Neue.
Jeder Mensch sollte das Glück haben, das zu erleben. Für Kinder und Jugendliche ist Musik ein prägendes Strukturelement zur Persönlichkeitsentfaltung. Im Erwachsenenalter wird sie für viele zum Seelentröster, hilft bei Sorgen oder schützt vor Einsamkeit.
Ich kenne die Lebensgeschichten der meisten Mitglieder in meinen drei Orchestern. Sätze wie ‚Die Probe ist der wichtigste Moment meiner Woche‘ höre ich oft. In dieser Zeit können sie alles um sich herum vergessen und tief auftanken. Genau das kann nur die Musik – und man sieht es nach jeder Probe an den glänzenden Augen der Musiker.
Dieses Gefühl und die glänzenden Augen sehe ich auch in meinen Kursen. In kürzester Zeit fällt die Anspannung und pure Freude entsteht. Nicht nur ich genieße die Gemeinschaft mit Gleichgesinnten und das tiefe Eintauchen in diesen überragenden Klangkörper ungemein. Musik macht einfach glücklich!“
blog: Für wen ist die HochAlp aus Deiner Sicht genau der richtige Kurs? Und woran merkt man: „Jetzt bin ich bereit für die nächste Stufe“?
Wüstner: Wir haben in Süddeutschland das große Glück, völlig frei von traditionellem Ballast mit dem Alphorn umgehen zu dürfen. Unsere Verbände in Baden-Württemberg machen keine Vorschriften, was oder wie wir zu spielen haben. Das ist einfach wunderbar und der richtige Weg! Genau deshalb engagiere ich mich hier in der Szene und fühle mich so unglaublich wohl. Es gibt uns die Chance, einen ganz eigenen, modernen Alphornweg zu gehen.
Frei nach meinem Sprichwort ‚Wir ehren das Alte und grüßen das Neue‘ ist auf der ‚HochAlp‘ jeder richtig, der die traditionellen Wurzeln des Instruments schätzt, aber gleichzeitig musikalisch über den Tellerrand hinausblicken möchte. Wir wollen in meinen Kursen gemeinsam Spaß haben, aber auch an und über unsere Grenzen gehen – sozusagen den Blick über den Gipfel in benachbarte Täler wagen. Wer Lust auf den Austausch mit Gleichgesinnten und die pure Freude am gemeinsamen Spiel hat, ist im Kurs ‚HochAlp‘ genau richtig!
blog: Gibt es einen Moment beim Alphornspielen, der Dich selbst immer wieder aufs Neue fasziniert – vielleicht einen bestimmten Klang, einen Ort oder das gemeinsame Spiel im Ensemble?
Wüstner: Ja, den gibt es und ich baue diesen sogar in meine Seminare ein. In jedem meiner Alphornkurse – von der SchnupperAlp über den AlpAufstieg bis zur HochAlp – wartet ein ganz besonderes Highlight auf die Kursteilnehmenden: der „Klangsee“!
Eigentlich ist es gar kein festes Musikstück, sondern eine faszinierende Klangcollage. Die tiefen Lagen spielen ein kleines c, die mittleren ein kleines g. Durch zeitversetztes Einsetzen ohne Anstoß entsteht ein magischer, schwebender Dauerton. Das Unglaubliche daran: Obwohl wir nur zwei Töne spielen, verbindet die reine Physik diese Intervalle wie von Zauberhand zu einem wunderschönen, mehrstimmigen Akkord aus Obertönen! Wenn sich dann noch freie Melodien darüberlegen, ist die Magie perfekt.
Geboren wurde der „Klangsee“ übrigens aus einer Not heraus als Warm-up für mein Ensemble, wenn vor Auftritten die Zeit knapp war. Heute spielen wir ihn oft live zum Einblasen und überraschen damit das Publikum.
Für mich ist das jedes Mal ein absoluter Gänsehautmoment: Ich darf in meinen Kursen direkt vor den Alphörnern stehen und im wahrsten Sinne des Wortes in diesem majestätischen Klangsee baden. Diese Faszination lässt mich einfach nicht mehr los!