100 Jahre Bund Deutscher Blasmusikverbände: Persönlichkeiten, Wegmarken und die Kraft des gemeinsamen Handelns

Als am 19. September 1926 in Freiburg die Gründung einer übergreifenden Arbeitsgemeinschaft beschlossen wurde, ging es zunächst um die Bündelung regionaler Kräfte. Heute ist der Bund Deutscher Blasmusikverbände (BDB) ein weit verzweigtes Netzwerk, das Musikvereine und Verbände in Fragen der Bildung, der Interessenvertretung und der musikalischen Entwicklung unterstützt. Zwischen diesen beiden Eckpunkten liegen 100 Jahre, in denen engagierte Persönlichkeiten wichtige Weichen gestellt, Strukturen geschaffen und immer wieder neue Perspektiven eröffnet haben.

Die Geschichte des BDB erzählt deshalb von Präsidenten, Geschäftsführern und Funktionsträgern. Sie erzählt aber auch von Menschen, die Verantwortung übernommen haben – für die Musik, für die Vereine und für eine Gemeinschaft, deren Bedeutung über das gemeinsame Musizieren hinausreicht. Sie erzählt vom Mut zum Neubeginn, von der Bereitschaft zur Veränderung und von der Erkenntnis, dass nachhaltige Entwicklung nur im Zusammenspiel vieler gelingt: von den Gründervätern zu einem starken Netzwerk, von prägenden Persönlichkeiten zu leistungsfähigen Teams.

Der Anfang: Eine Idee nimmt Gestalt an

An der Wiege des heutigen BDB standen 1926 Kilian Heitz, Bernhard Stelz und Wilhelm Reinhard vom Oberbadischen Musikvereinsverband sowie die Präsidenten weiterer Verbände. Sie beschlossen am 19. September 1926 in Freiburg die Gründung einer Arbeitsgemeinschaft. Am 5. Dezember wurde die Gründung in Neustadt im Schwarzwald vollzogen. Zum ersten Präsidenten wurde Kilian Heitz bestimmt. Über den Gründervater ist heute nur noch wenig bekannt. Heitz war Oberlehrer und Dirigent in Endingen. Von 1904 bis 1913 leitete er die Stadtmusik Endingen; außerdem stand er während des Ersten Weltkriegs und der Nachkriegsjahre an der Spitze der dortigen Volksschule. Die erhaltenen Hinweise zeichnen das Bild eines Mannes, der sich sowohl für die Bildung als auch für das gemeinschaftliche Musikleben engagierte. Seine Amtszeit als Verbandspräsident war durch seinen plötzlichen Tod 1927 nur von kurzer Dauer. Schon bei der ersten Bundestagung am 17. und 18. November 1928 in Schwenningen musste ein Nachfolger gewählt werden. Die Wahl fiel auf Adolf Kromer, den städtischen Musikdirektor in Freiburg. Kromer gehörte zu den wichtigen Persönlichkeiten des badischen Musikverbandswesens in der Zwischenkriegszeit. Er leitete verschiedene Instrumental-und Blasorchester und war in musikalischen Organisationen tätig. Ein zeitgenössischer Nachruf aus dem Jahr 1945 berichtet von seiner Verbindung zur Instrumentalmusik während der Militärzeit, seinem Wirken im Freiburger Stadt- und Theaterorchester und als Dirigent in Kenzingen. Die frühen Jahre des Verbandes waren vom Aufbau der Verbandsstrukturen, ersten Bundesmusikfesten und den politischen und gesellschaftlichen Umbrüchen der Zeit geprägt. Der Aufbau einer gemeinsamen Organisation war keine Selbstverständlichkeit. Umso wichtiger war die Initiative jener Männer, die erkannten, dass die Interessen der Musikvereine gebündelt werden mussten. Der Verband sollte eine Stimme sein, die über den einzelnen Verein hinausreichte – und zugleich eng an der Basis blieb.

Neubeginn nach dem Zweiten Weltkrieg

Nach dem Zweiten Weltkrieg musste das organisierte Musikleben neu beginnen. Am 29. Oktober 1950 trafen sich im Hotel Schützen in Donaueschingen Vertreter von zwölf Verbänden, um den Bund Badischer Volksmusikverbände wieder ins Leben zu rufen.

Emil Dörle wurde einstimmig zum Präsidenten gewählt, nahm das Amt aber nur unter der Bedingung an, dass Fritz Schulz erneut die Geschäftsführung übernahm – eine Aufgabe, die Schulz bereits von 1931 bis 1939 ausgeübt hatte. Mit Emil Dörle und Fritz Schulz standen zwei Persönlichkeiten für den Neubeginn, die bereits eng mit der Geschichte des Verbandes verbunden waren. Dörle war 1926 an der Gründung beteiligt gewesen und hatte sich zudem als Musiker, Dirigent und Komponist einen Namen gemacht. Fritz Schulz wiederum hatte sich seit Ende der 1920er-Jahre für die Organisation des Blasmusikwesens engagiert. 1939 erwarb er den Verlag des Bundes südwestdeutscher Volksmusikverbände und prägte damit auch die Entwicklung der originalen Blasmusik im südwestdeutschen Raum. Nach der Wiedergründung 1950 übernahm er erneut die Geschäftsführung. Später folgte ihm sein Sohn Klaus Schulz. So wurde nicht nur organisatorische Kontinuität gesichert, sondern auch Wissen und Erfahrung über Generationen hinweg weitergegeben.

Emil Dörle, 1. Präsident des BDB

Nach der Neugründung 1950 war Emil Dörle der 1. Präsident des BDB. Foto: Archiv des BDB

Der Wiederaufbau des Verbandes stand für mehr als eine formale Neugründung. Es ging darum, dem Musikleben nach den Jahren der Diktatur und des Krieges wieder eine verlässliche Struktur zu geben. Die seit 1949 bestehende Zeitschrift „Die Volksmusik“ wurde als Bundeszeitschrift anerkannt und in „Allgemeine Volksmusik-Zeitung“ umbenannt. In der ersten Ausgabe formulierte der badische Staatspräsident Leo Wohleb einen Gedanken, der auch Jahrzehnte später noch Gültigkeit besitzt und ein deutliches öffentliches Interesse am Bestehen von Musikkapellen artikuliert: „Freude an Musik und Gesang ist ein Erbgut des badischen Volkes. Und alle Vereinigungen, die sich in dieser Beziehung betätigen, dienen der Volkskultur, sie haben ein wohlbegründetes Anrecht auf Förderung durch die Landesregierung.“ Unter Dörles Präsidentschaft vollzog der Verband in der frühen Nachkriegsgeschichte einen entscheidenden Schritt: Er entwickelte sich zu einer tragfähigen Organisation. Weitere Verbände kamen hinzu, Bundesmusikfeste – etwa in Singen 1953 – wurden wieder veranstaltet.

Bildung und Jugend als Zukunftsaufgabe

Auf Emil Dörle folgte Hermann Albrecht. Seine Amtszeit steht vor allem für die zunehmende Bedeutung von Förderung und Nachwuchsarbeit. Letzteres fand seinen Ausdruck darin, dass 1955 das Amt des Bundesjugendleiters eingerichtet wurde. Erster Amtsinhaber war Rudolf Siebold. Zudem wurden die Landeszuschüsse um ein Vielfaches erhöht, die Blasmusik in den Wettbewerb „Jugend musiziert“ einbezogen und rund 300 Jugendkapellen gegründet. Damit rückte eine Aufgabe in den Mittelpunkt, die den BDB bis heute prägt: Musikvereine sind nicht nur Orte des Musizierens, sondern auch Bildungsorte. Sie vermitteln musikalische Fähigkeiten, schaffen Gemeinschaft und eröffnen jungen Menschen Möglichkeiten, Verantwortung zu übernehmen. Die Förderung des Nachwuchses wurde zunehmend zu einem eigenständigen Handlungsfeld der Verbandsarbeit. Nachdem Hermann Albrecht unerwartet an einem Herzinfarkt starb, wurde 1968 der Kehler Landrat Walter Schäfer zum dritten Präsidenten gewählt. Unter Schäfer erfolgte die Umbenennung in Bund Deutscher Blasmusikverbände. Zugleich wurde eine Veranstaltungsreihe ins Leben gerufen und mit dem ersten Jugendkapellentreffen 1969 in Staufen begründet, die bis heute fortwirkt: die Internationalen Jugendkapellentreffen (IJKT). Auch die Einführung des Jungmusiker-Leistungsabzeichens fällt in diese Entwicklungsphase. Beim dritten Internationalen Jugendkapellentreffen in Breisach wurden die nach österreichischem Vorbild konzipierten Leistungsabzeichen erstmals vergeben. In den 1970er-Jahren beschäftigte den Verband zudem die Frage einer größeren bundesweiten Zusammenarbeit. Bei der Hauptversammlung in Oppenheim wurden 1972 Gespräche über eine Fusion verschiedener Verbände zu einer bundesweiten Organisation aufgenommen. Die Verhandlungen scheiterten 1976. Anschließend konzentrierte sich der BDB mit „ehrlicher Aufbruchstimmung“, wie Wolfgang Suppan in seinem Buch „Blasmusik in Baden“ schreibt, wieder stärker auf seine eigenen organisatorischen und musikalischen Aufgaben. In der Folge entwickelte der BDB seine Aufgaben weiter – mit einem klaren Schwerpunkt auf der Interessenvertretung, der musikalischen Bildung und der Unterstützung seiner Mitgliedsverbände.

Die Bläserjugend wird eigenständig

1982 übernahm Norbert Nothelfer die Präsidentschaft. 1985 wurde die BDB-Bläserjugend gegründet, die sich – als eigenständige Einheit in den Verband integriert – zu einer wichtigen Ideen- und Impulsgeberin und einem bedeutenden Innovationsmotor entwickelte. Die institutionelle Verankerung der Jugendarbeit war ein bedeutender Schritt und ist untrennbar mit den Namen Wolfgang Suppan und Michael Weber verbunden, beides Männer der ersten Stunde in der BDB-Bläserjugend. Sie trug der Tatsache Rechnung, dass junge Musikerinnen und Musiker eigene Bedürfnisse, Themen und Formen der Beteiligung haben. Die Bläserjugend wurde damit zu einem wichtigen Bestandteil der Verbandsstruktur. Leistungsabzeichen, Jugendbegegnungen, Aus- und Fortbildung sowie die Förderung von Eigenverantwortung gehören seither zu den zentralen Aufgaben.

Helmut Rau und Fritz Hörter: Zwei prägende Präsidenten, die für Weiterentwicklung und Kontinuität standen. Foto: Archiv des BDB

Der Gedanke, junge Menschen nicht nur musikalisch auszubilden, sondern sie auch als aktive Gestalter des Vereinslebens ernst zu nehmen, gewann zunehmend an Bedeutung. Eine Persönlichkeit, die an dieser Entwicklung mitwirkte, war Fritz Hörter. Er wurde 1980 zum BDB-Vizepräsidenten gewählt und stellte sich insgesamt 36 Jahre lang ehrenamtlich in den Dienst des Verbandes. Seine Laufbahn steht exemplarisch für eine Generation von Funktionsträgern, die aus dem Vereinsleben kamen, selbst musizierten und ihre Erfahrungen in die übergeordnete Verbandsarbeit einbrachten.

Von 1995 bis 2001 stand er als BDB-Präsident an der Spitze des Verbandes. In dieser Zeit brachte er die BDB-Musikakademie auf den Weg und setzte sich kontinuierlich für die Interessen der Vereine ein. Sein Wirken reichte jedoch weit über den BDB hinaus. In der Bundesvereinigung Deutscher Orchesterverbände, im Landesmusikrat Baden-Württemberg und in weiteren Gremien setzte er sich für die Zusammenarbeit der Verbände und die Vernetzung der Musikinstitutionen ein. Das Landes-Musik-Festival und die Gründung des Landesmusikverbandes Baden-Württemberg sind auch mit seinem Engagement verbunden. Hörters Verständnis von Verbandsarbeit war dabei stets mit der eigenen Erfahrung als Musiker verbunden. Darin liegt eine besondere Botschaft: Verbandsarbeit und Funktionärstätigkeit sind kein Gegenmodell zum Musizieren. Im besten Fall erwachsen sie aus der Musik und führen immer wieder zu ihr zurück. Wer sich für Strukturen und Rahmenbedingungen einsetzt, tut dies letztlich, damit Menschen gemeinsam musizieren können.

Professionalisierung und neue Perspektiven

Mit Helmut Rau übernahm 2001 eine Persönlichkeit die Präsidentschaft, die politische Erfahrung und eine tiefe Verbundenheit zur Musik miteinander verband. Der CDU-Politiker war seit 1992 Mitglied des baden-württembergischen Landtags, Staatssekretär im Kultusministerium, von 2005 bis 2010 Kultusminister und anschließend Staatsminister. Seine beruflichen Stationen brachten ihm Einblicke in politische Entscheidungsprozesse und in die Bildungslandschaft. Während seiner Präsidentschaft wurden wichtige strukturelle Entscheidungen getroffen und die Professionalisierung des Verbandes vorangetrieben. Zu den zentralen Aufgaben gehörten der Kauf, der Umbau und die Finanzierung der Musikakademie sowie die stetige Erweiterung ihres Bildungsangebots. Zudem wurde eine hauptamtliche Stelle für die Geschäftsführung eingerichtet und das Finanzwesen neu strukturiert. Rau brachte damit eine Entwicklung voran, die für viele Verbände prägend wurde: die Verbindung von ehrenamtlicher Verantwortung und professionellen Strukturen. Denn je umfangreicher die Aufgaben wurden, desto wichtiger war eine verlässliche hauptamtliche Organisation, die Projekte umsetzt, Beratung gewährleistet und die ehrenamtlichen Gremien unterstützt.

Christoph Karle: Vom Ehrenamt zum Kompetenzzentrum

Eine herausragende Rolle in der jüngeren Verbandsgeschichte nimmt Christoph Karle ein. 2004 wurde er bei der Hauptversammlung in Stockach zum geschäftsführenden Präsidenten gewählt. Bereits zuvor war er als Vizepräsident im BDB tätig gewesen. Zwei Jahrzehnte lang prägte er in dieser Funktion die Entwicklung des Verbandes. Karles Amtszeit fällt in eine Phase, in der sich die Anforderungen an einen Dachverband deutlich veränderten. Die Vereine benötigten nicht nur musikalische Impulse, sondern auch Unterstützung bei rechtlichen, organisatorischen, finanziellen und gesellschaftspolitischen Fragen. Der BDB musste als Interessenvertretung sichtbar sein und zugleich konkrete Dienstleistungen anbieten. Ein wichtiger Schritt war die Verlegung der Geschäftsstelle aus dem Kraichtal nach Staufen. In diesem Zusammenhang wurde die Arbeit der Geschäftsstelle professionalisiert, Serviceleistungen wurden entwickelt und die Geschäftsstelle zu einem Kompetenz- und Servicezentrum ausgebaut.

Karle vertrat den BDB in Gesprächen mit Ministerien, dem Landesmusikrat, dem Verband der Musikschulen sowie zahlreichen Organisationen aus Musik und Kultur. Zugleich stärkte er die Position des BDB in den Dachverbänden Bundesmusikverband Chor & Orchester (BMCO) und Bundesvereinigung Deutscher Musikverbände (BDMV). Der BDB entwickelte sich damit nicht nur innerhalb seiner eigenen Strukturen weiter, sondern positionierte sich zunehmend als Teil eines größeren Netzwerks. Die Interessen der Amateurmusik lassen sich wirkungsvoller vertreten, wenn Verbände ihre Kräfte bündeln und gemeinsame Anliegen gegenüber Politik und Gesellschaft artikulieren.

Christoph Karle und Dr. Patrick Rapp – über 12 Jahre gemeinsam an der Spitze des BDB, prägten sie maßgeblich die Entwicklung und den Neubau der BDB-Musikakademie Staufen. Foto: BDB

Karles Arbeit war eng mit der Entwicklung der Musikakademie verbunden. Die positive Entwicklung des Hauses bildete eine Grundlage für die Beantragung von Landeszuschüssen für den Neubau der BDB-Musikakademie. Der Neubau der BDB-Musikakademie war dabei weit mehr als ein Bauprojekt. Er war Ausdruck eines inhaltlichen Anspruchs: Bildung, Begegnung und musikalische Entwicklung sollten eine zeitgemäße Infrastruktur erhalten. Im Oktober 2024 wurde Christoph Karle nach 20 Jahren aus dem Präsidium verabschiedet. Seit dem Ende seiner Tätigkeit als geschäftsführender Präsident konzentriert sich Karle auf die Geschäftsführung der BDB-Musikakademie und des BDB-Kulturhotels. Seine Beweggründe beschrieb er mit einem musikalischen Bild: „Wenn ich als studierter Trompeter die h-Moll-Messe von Johann Sebastian Bach spielen will, muss ich mich konzentrieren. Die Akademie ist meine h-Moll-Messe.“ Die neue BDB-Musikakademie bringe großes Potenzial mit sich, erfordere aber auch ein hohes Maß an Führung und Weiterentwicklung. Arbeitsabläufe, Digitalisierung und Automatisierung, neue Bildungsthemen wie Klassenmusizieren und elementare Musikpädagogik sowie die wirtschaftliche Entwicklung des Kulturhotels gehören seitdem zu seinen Arbeitsschwerpunkten. Seine Bilanz als geschäftsführender Präsident verbindet Karle ausdrücklich mit dem Teamgedanken. Die zahlreichen Projekte könnten nur mit einem leistungsfähigen Team umgesetzt werden, das von gegenseitiger Wertschätzung, Teamgeist und dem „notwendigen guten Ton“ geprägt gewesen sei. Darin sieht er eine besondere Stärke des BDB: Themen würden demokratisch, zielführend und wertschätzend zum Wohl des Verbandes und seiner gesellschaftlichen Aufgaben entwickelt. Dies gilt für das Team aus Hauptamtlichen genauso wie für die Ehrenamtlichen in den Gremien.

Helmut Steinmann: Kontinuität im Hintergrund

Und dort haben neben den Präsidenten und Geschäftsführern auch Persönlichkeiten die Entwicklung des Verbandes entscheidend geprägt, die über Jahrzehnte in anderen Funktionen Verantwortung übernommen hatten. Zu ihnen gehört Helmut Steinmann. 57 Jahre lang engagierte er sich für die Blasmusik und die Verbandsarbeit, davon 28 Jahre als Vizepräsident und 19 Jahre als Vorsitzender des Fördervereins. Steinmann war Gründungsmitglied der BDB-Musikakademie, Akademie-und Ehrungsbeauftragter und gehörte zu den wichtigen Weichenstellern beim Aufbau und bei der Erweiterung der Akademie. Auch beim Neubau wirkte er mit. Sein Engagement zeigt, dass Verbandsgeschichte nicht allein in den sichtbaren Entscheidungen der Präsidenten geschrieben wird. Sie entsteht ebenso durch Menschen, die kontinuierlich Aufgaben übernehmen, Abläufe sichern, Wissen weitergeben und auch dann Verantwortung tragen, wenn sie nicht im Mittelpunkt der Öffentlichkeit stehen. Bei seiner Verabschiedung aus dem Präsidium wurde Steinmann zum Ehrenmitglied und Ehrenakademiebeauftragten ernannt. Dem BDB bleibt er weiterhin verbunden, insbesondere im Ehrungswesen. Sein Beispiel steht für jene Kontinuität, ohne die langfristige Entwicklung nicht möglich wäre.

Patrick Rapp: Die Akademie als Zukunftsprojekt

Seit 2014 steht Dr. Patrick Rapp MdL an der Spitze des BDB. Seine Präsidentschaft ist eng mit dem Neubau der BDB-Musikakademie in Staufen verbunden. Bereits zu Beginn seiner Amtszeit wurde die Zukunft der Akademie zu einem zentralen Thema der Verbandsarbeit. 2016 stellte der BDB offiziell den Förderantrag für den „Neubau Kompetenzzentrum BDB-Musikakademie“ beim Finanzministerium des Landes Baden-Württemberg.

Der Weg bis zur Eröffnung war von intensiver konzeptioneller, politischer und organisatorischer Arbeit durch Patrick Rapp und dem gesamten Team geprägt. Parallel dazu arbeitete der BDB an der Weiterentwicklung seiner fachlichen Angebote. Der Musikbeirat erarbeitete eine neue Wertungsspielordnung für Orchester- und Kammermusik, die Bläserjugend entwickelte das Jungmusiker-Leistungsabzeichen weiter und auf politischer Ebene wurden Gespräche über die Förderung des Akademieneubaus geführt. Am 22. Februar 2024 wurde die neue BDB-Musikakademie in Staufen offiziell eröffnet.

Spatenstich im Jahr 2020; Neubau der BDB-Musikakademie und des BDB-Kulturhotels. Foto: Nico Talenta

Nach rund 10 Jahren Planung konnte im Jahr 2020 der Spatenstich für den Neubau der BDB-Musikakademie vollzogen werden. Foto: Nico Talenta

Das rund 24 Millionen Euro teure Bauprojekt wurde vom Land Baden-Württemberg mit neun Millionen Euro unterstützt. Die neue Akademie steht für den Anspruch, musikalische Bildung und Begegnung auf einem zeitgemäßen Niveau zu ermöglichen. Sie ist zugleich ein sichtbares Zeichen für die Entwicklung des BDB von einer klassischen Verbandsorganisation hin zu einem Bildungs- und Kompetenzzentrum mit überregionaler Ausstrahlung. Im selben Jahr wurde Patrick Rapp bei der Hauptversammlung in Geisingen erneut einstimmig zum Präsidenten gewählt. Das Präsidium wurde neu aufgestellt, die Satzung angepasst und die Leitungsstruktur weiterentwickelt. Erstmals gehörten zwei Frauen dem Gremium an. Auch darin zeigt sich, dass Verbandsstrukturen nicht statisch bleiben, sondern auf gesellschaftliche Veränderungen reagieren.

Ein Verband als Netzwerk

Heute ist der BDB in ein dichtes Geflecht aus regionalen, Landes-, Bundes- und internationalen Organisationen eingebunden. Er ist Mitglied in der BDMV und deren Deutscher Bläserjugend, arbeitet mit dem Bundesmusikverband Chor & Orchester zusammen und engagiert sich im Landesmusikverband sowie im Landesmusikrat Baden-Württemberg. Internationale Verbindungen bestehen unter anderem zur Internationalen Gesellschaft zur Erforschung und Förderung der Blasmusik und zur Confédération Internationale des Sociétés Musicales. Diese Vernetzung ist kein Selbstzweck. Dahinter steht der Gedanke: Gemeinsam können die Verbände mehr erreichen als allein. Aus diesem Prinzip ist über die Jahrzehnte ein Netzwerk entstanden, das Wissen, Erfahrung und Verantwortung bündelt. Es dient dazu, die Interessen der Vereine dort zu vertreten, wo Entscheidungen getroffen werden: in Politik und Verwaltung, in Bildungsinstitutionen und in den Dachverbänden der Amateurmusik.

BDB-Kulturhotel, BDB-Musikakademie Staufen, Gebäude Aussenansicht, Foto: Frank Tusch

Seit 2024 sind der BDB und seine Musikakademie im neuen BDB-Kulturhotel beheimatet: Hier finden Amateurmusizierende aller Sparten beste Voraussetzungen für Weiterbildung und zum gemeinsamen Musizieren. Foto: Frank Tusch

Zugleich ermöglicht es Kooperationen, die einzelne Verbände oder Vereine allein nicht leisten könnten. Auch die internen Strukturen spiegeln diese Entwicklung wider. Neben dem Präsidium arbeiten verschiedene Gremien, Kommissionen, Arbeitskreise und Fachbeauftragte daran, Themen weiterzuentwickeln und Prozesse zu optimieren. Das Aufgabenspektrum des BDB ist breit und reicht heute von der Interessenvertretung und Lobbyarbeit bis hin zu GEMA- und Versicherungsrahmenverträgen, über ComMusic-Schulungen, Jurorenfortbildungen und Ehrungen bis hin zum Jungmusiker-Leistungsabzeichen und einer großen Bandbreite an Präsenz- und Online-Bildungsangeboten der BDB-Musikakademie.

100 Jahre BDB: Tradition als Auftrag, Zukunft zu gestalten

100 Jahre BDB sind eine Geschichte des Wandels. Aus einer regionalen Arbeitsgemeinschaft wurde ein überregional und international vernetzter Verband. Die Anforderungen an die Organisation haben sich verändert, die Bildungsangebote wurden ausgebaut, die Geschäftsstelle professionalisiert und mit der neuen Musikakademie eine zukunftsweisende Infrastruktur geschaffen. Geblieben ist jedoch der Kern des Verbandsauftrags: Menschen durch Musik zusammenzubringen, musikalische Bildung zu ermöglichen und die Interessen der Musikvereine zu vertreten. Die Namen und Funktionen haben gewechselt, ebenso die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Die Überzeugung, dass gemeinsames Musizieren Gemeinschaft stiftet und kulturelle Teilhabe ermöglicht, verbindet die Gründergeneration mit den Verantwortlichen der Gegenwart. Die Präsidenten Kilian Heitz, Adolf Kromer, Emil Dörle, Hermann Albrecht, Walter Schäfer, Norbert Nothelfer, Fritz Hörter, Helmut Rau und Patrick Rapp stehen für unterschiedliche Epochen und Akzente der Verbandsgeschichte. Fritz Schulz und später Klaus Schulz, Christoph Karle und viele weitere haupt- und ehrenamtlich Engagierte haben Strukturen geschaffen und weiterentwickelt. Persönlichkeiten wie Helmut Steinmann verkörpern die Kontinuität, die im Hintergrund wirkt und große Vorhaben dauerhaft trägt. Die Geschichte des BDB ist deshalb weder eine reine Abfolge von Amtszeiten noch allein die Geschichte einzelner Erfolge. Sie ist die Geschichte einer Gemeinschaft, die sich immer wieder neu organisiert, ohne ihre Wurzeln zu verlieren. Einer Gemeinschaft, die Tradition nicht als Stillstand versteht, sondern als Auftrag, Zukunft zu gestalten. Vom Gründungswillen des Jahres 1926 bis zum Netzwerk des Jahres 2026 zieht sich ein roter Faden: die Verantwortung für die Musikvereine und die Menschen, die sie mit Leben erfüllen. Der BDB wird auch künftig daran gemessen werden, wie gut es ihm gelingt, diese Verbindung zu bewahren – zwischen musikalischer Qualität und Freude, zwischen Bildung und Begegnung, zwischen Ehrenamt und professioneller Unterstützung. Denn die Zukunft der Blasmusik entsteht nicht allein in Gremien, Akademien oder Verbandsbüros. Sie entsteht vor allem dort, wo Menschen zusammenkommen, ein Instrument in die Hand nehmen und gemeinsam den ersten Ton spielen. Präsident Dr. Patrick Rapp MdL ist sich dessen angesichts des Jubiläums bewusst. „Unser Jubiläum blickt dankbar zurück, aber vor allem auch nach vorn. Wir wollen, dass Musikvereine auch in Zukunft Orte der Begegnung, der Bildung und der Freude am gemeinsamen Musizieren bleiben.“

Martina Faller