2010 feierte der Bund Deutscher Blasmusikverbände (BDB) in Freiburg sein 60-jähriges Bestehen. Nach bisheriger Lesart hätte 2025 das 75-jährige Jubiläum folgen müssen. Doch diese Rechnung geht nicht auf. Neue Archivfunde zeigen: Die Wurzeln des BDB und seiner Vorläuferorganisation reichen bis ins Jahr 1926 zurück. Zum Auftakt des Jubiläumsjahres begeben wir uns auf Spurensuche und beleuchten die Anfänge des BDB neu.

Der Vergleich mag ein wenig hinken: Doch was der Fund der Schriftrollen vom Toten Meer für die Archäologie, Religions- und Textgeschichte bedeuteten, das bedeutet das „Fauler-Buch“ für den Bund Deutscher Blasmusikverbände. „Das ist ein wahrer Schatz für den BDB“, ist sich Helmut Steinmann, ehemaliger Vize-Präsident des BDB, sicher.

Doch wer war Dr. Walter Fauler und warum ist sein Buch für die Geschichte des BDB von so großer Bedeutung? Selbst Helmut Steinmann, seines Zeichens ausgewiesener Kenner der Verbandshistorie, kann nicht viel über ihn sagen: „Er war historisch interessiert und hat für Vereine, vorzugsweise im Oberbadischen Blasmusikverband, Chroniken erstellt.“ Nach einer gründlichen Recherche nehmen die blassen Umrisse schärfere Konturen an: Dr. Walter Fauler war ein Geologe, Chronist und Archivar aus dem süddeutschen Raum, der an mehreren lokalen oder regionalen historischen Publikationen mitgearbeitet hat. Unter anderem hat er auch an der Chronik zum Jubiläum und dem Verbandsmusikfest des Oberbadischen Blasmusikverbandes, des Verbandes, der 1892 gegründet wurde und als der „älteste der deutschen Blasmusikverbände“ (Suppan) gilt, mitgewirkt. Von der Warte des Chronisten des OBV aus, hat Walter Fauler wohl – und das belegt sein Buch zweifelsfrei – auch die Entstehung des ersten Blasmusikbundes als akribischer Chronist und Archivar dokumentiert. Mehr noch: Alles, was er an Festschriften, Satzungen, Zeitungsartikeln, Todesanzeigen, Nachrufen und Briefen gesammelt hatte, ließ er 1974 zu einem Buch binden und gab ihm den Titel „Der Bund Deutscher Blasmusikverbände e. V. – ein Beitrag zu seiner Geschichte“.

100 Jahre BDB – Titelblatt Satzung

Drei Jahre nach seiner Gründung verabschiedeten die Delegierten bei der Hauptversammlung In Waldshut 1929 die Satzung des Bundes, damals noch unter dem Namen Bund Südwestdeutscher Musikvereine.

Vom Zufallsfund zur wissenschaftlichen Bestätigung

Wie das Buch in den Bestand des BDB-Archivs gelangte, lässt sich heute nicht mehr vollständig nachvollziehen. Vermutlich wurde es zusammen mit dem Nachlass des ersten BDB-Geschäftsführers Fritz Schulz übernommen. Sicher ist jedoch: Der Band geriet in Vergessenheit und blieb jahrzehntelang unentdeckt bis zum Zufallsfund im Februar 2024 durch Margot Zehnder. Die seit 2019 beim BDB tätige Mitarbeiterin war mit der Sichtung und Neuordnung der Archivalien betraut. Beim Auspacken der Kisten am neuen Standort im ehemaligen Vereinsheim des FC 08 Staufen fiel ihr das rotgebundene Buch von Dr. Walter Fauler in die Hände. Das Interesse der Amateurblasmusikerin der Feuerwehr- und Trachtenkapelle Kirchhofen war sofort geweckt und nach kurzer Lektüre war für sie klar: Das bislang angenommene Gründungsjahr musste neu bewertet werden. „1926 – das ist unser neues Gründungsdatum“, lautete ihre Schlussfolgerung. Doch persönliche Überzeugung genügte nicht. Zehnder übergab den Fund an Helmut Steinmann und so wurde das Buch zu einem Tagesordnungspunkt im Präsidium. Nach eingehender Beratung wurde beschlossen, wissenschaftliche Expertise einzuholen und Prof. Dr. Dr. Michael Fischer, Geschäftsführender Direktor des Zentrums für Populäre Kultur und Musik der Universität Freiburg, um Begutachtung zu bitten. Bei einem Vororttermin in der neuen Musikakademie sichtete er die Unterlagen, prüfte die Dokumente und kam schnell zu dem Schluss: Der 19. September 1926 muss als das eigentliche Gründungsdatum des Bundes Deutscher Blasmusikverbände angesehen werden.

Neun Verbände als Keimzelle des BDB

Was genau hat sich an diesem Tag ereignet? Auskunft darüber gibt die von Dr. Fauler in seinem Buch bewahrte Festschrift zum 1. Bundesmusikfest an Pfingsten 1933 in Freiburg.

100 Jahre BDB – Adolf Kromer Präsident Südwestdeutscher Musikvereine
100 Jahre BDB – Titelblatt Erstes Bundesmusikfest

Das Bundesmusikfest 1933 in Freiburg war das erste Großereignis des neugegründeten Dachverbands.

Darin heißt es: „Auf Einladung des Oberbadischen Musikvereinsverbandes, insbesondere durch die Initiative des Schriftleiters Bernhard Stelz kamen deshalb am 19. September 1926 die Vertreter Südwestdeutscher Musikverbände nach Freiburg im Breisgau und vollzogen hier den Zusammenschluss der einzelnen Verbände. So entstand die ‚Arbeitsgemeinschaft badischer und württembergischer Musikverbände‘.“ Zur weiteren Verifikation machte Bundesmedienreferent Michael Schönstein die Oktoberausgabe 1926 der „Oberbadischen Musikzeitung – Monatsschrift für sämtliche musikfördernde Vereine“, herausgegeben vom Oberbadischen Musikvereinsverband, in der Landesstelle für Alltags- und Regionalkultur, Außenstelle Südbaden des Badischen Landesmuseums, ausfindig und fand darin die Bestätigung. Heißt es dort doch: (…) Am Sonntag, dem 19. September 1926 fand eine Versammlung der Präsidenten der Oberbadischen Musikverbände in Freiburg i. Br. statt, welche von 10 Verbänden besucht war. Nachdem die einzelnen Delegierten einmütig feststellten, dass die Gründung einer „Arbeitsgemeinschaft“ dringende Notwendigkeit ist, wurden demzufolge folgende Beschlüsse gefasst: Die „Arbeitsgemeinschaft Oberbadischer Musikverbände“ ist hiermit einmütig beschlossen. Die Vorsitzenden der einzelnen Musikverbände oder deren Vertreter bilden den vorläufigen Arbeitsausschuss, welcher die Richtlinien und Satzungen festlegen wird, welche u. a. folgende Punkte enthalten sollen (…).“ Weitere Zusammenkünfte folgten und bei Beratungen am 26./27. November 1927 wurde Oberlehrer Kilian Heitz aus Endingen zum 1. Präsidenten der neuen Vereinigung gewählt. Bei der ersten großen Bundestagung rund ein Jahr später, am 17. und 18. November 1928 in Schwenningen, wurde der endgültige Name „Bund Südwestdeutscher Musikvereine“ bestimmt und die Stadt Freiburg zum Sitz des Bundes erklärt. Des Weiteren wurde Adolf Kromer, Städtischer Musikdirektor in Freiburg, zum Nachfolger des verstorbenen 1. Präsidenten Kilian Heitz gewählt und die 1924 gegründete Musikzeitung des Oberbadischen Musikvereinsverbandes zum Bundesorgan ernannt und in Bundeszeitung umbenannt.

Neun Verbände gehörten zu diesem Zeitpunkt dem neuen Dachverband an:

  • Alemannischer Musikverband, Lörrach
  • Badischer Segau-Musikverband, Owingen
  • Bezirksmusikverband „Oberrhein“, Waldshut
  • Gau der Landkapellen des badischen und württembergischen Schwarzwaldes, Schwenningen
  • Kinzigtalgau-Musikverband, Biberach
  • Mittelbadischer Musikgau-Verband, Muggensturm
  • Musikverband „Hochschwarzwald“, Neustadt
  • Oberbadischer Musikvereinsverband, Emmendingen
  • Verband der unteren Markgräflermusikvereine, Bad Krozingen
100 Jahre BDB – Foto Bundesdelegierte 1930
100 Jahre BDB – Namensliste Bundesdelegierte 1930

Aus den neun Gründungsverbänden wurden in kurzer Zeit 25 Mitgliedsverbände. Dr. Walter Fauler hat die ersten Bundesdeligierten mit Bild und Namen in seinem Buch dokumentiert.

Zwei Jahre später waren es bereits 25 Musikvereinsverbände mit über 600 Mitgliedsvereinen. Walter Fauler hat deren Vertreter, die damaligen Bundesdelegierten, mit Foto und Namensliste ebenso dokumentiert und für die Nachwelt festgehalten wie die erste, bei der Bundeshauptversammlung vom 15. bis 17. November 1929 in Waldshut verabschiedete Satzung des Bundes Südwestdeutscher Musikvereine e. V. Sie fasst unter § 2 den Satzungszweck des neugegründeten Bundes wie folgt zusammen: „Der Bund hat sich zur Aufgabe gemacht, zur Pflege deutscher Volksmusik die Musikkapellen der angeschlossenen Verbände einander näher zu bringen, das musikalische Arbeitsfeld derselben auf einheitlicher Grundlage zu erweitern und ihre Belange zu vertreten“.

Mit der formal abgeschlossenen Gründung des neuen Dachverbands erreicht eine Entwicklung ihren Höhepunkt, die mit der Gründung des Breisgau-Markgräfler Musikverbandes im Jahre 1892 ihren Ausgang nahm und Ausdruck des Bestrebens war, einheitliche Voraussetzungen für alle Vereine zu schaffen, die Interessen der Musikvereine und Verbände zu bündeln und gegenüber der Politik zu vertreten sowie ihnen in der Öffentlichkeit eine Stimme zu geben und Gehör zu verschaffen. Zu den ersten Erfolgen der neugeschaffenen Dachorganisation zählten die Aushandlung eines ersten Vertrags mit der STAGMA, dem Vorläufer der GEMA, die Herausgabe eines Bundesmarschalbums sowie die erfolgreiche Durchführung des 1. Bundesmusikfestes an Pfingsten 1933 in Freiburg.

Erledigte in den Anfangsjahren ein kleines Präsidium aus Vorsitzendem, Kassierer, Schriftführer und wenigen Beisitzern die gesamte Verwaltung, ist der Verband heute in komplexen Strukturen aus Haupt- und Ehrenamtlichen organisiert, die Ausbildung, Jugendförderung, Interessenvertretung und Serviceleistungen bündeln. Durch die kontinuierliche Weiterentwicklung der Gremien und die Anpassung an moderne Herausforderungen bleibt der BDB auch im 21. Jahrhundert ein starker Partner für seine Mitgliedsvereine. Damals wie heute aber liegt die Stärke des BDB in seiner Basis aus vielen engagierten Musikerinnen und Musikern in den Vereinen – sie haben vor 100 Jahren den Anstoß zur Verbandsgründung gegeben und sie sind heute immer noch das unsichtbare Rückgrat der Blasmusik in Baden. Ihnen ist es zu verdanken, dass der BDB 2026 Jubiläum feiern kann: 100 Jahre Bund Deutscher Blasmusikverbände.

Martina Faller