Wie die BDB-Bläserjugend mit einer App das Jungmusiker-Leistungsabzeichen (JMLA) ins digitale Zeitalter führt

Es beginnt mit einem leisen Signalton, einem Tap auf dem Bildschirm. Was früher der Griff zum Lehrbuch war, ist heute der Einstieg in eine App. Earz heißt die digitale Plattform, mit der die Bläserjugend des Bundes Deutscher Blasmusikverbände (BDB) einen bemerkenswerten Schritt wagt: Sie überführt das traditionsreiche JMLA in die Gegenwart – und möglicherweise darüber hinaus.

Denn was auf den ersten Blick wie ein weiteres digitales Lernangebot wirkt, ist in Wahrheit mehr: ein Versuch, Musikvermittlung neu zu denken – näher an der Lebenswirklichkeit der Jugendlichen, intuitiver, flexibler, motivierender. Und dabei stets dem Anspruch verpflichtet, dass musikalische Bildung mehr ist als das Abarbeiten eines Kanons.

Ein Abzeichen mit Geschichte

Das JMLA ist ein Abzeichen mit Geschichte. Über Jahrzehnte hinweg hat sich das Stufensystem – Junior 1, Junior 2, Bronze, Silber, Gold – als feste Größe in der musikalischen Nachwuchsarbeit etabliert. Es begleitet junge Musikerinnen und Musiker auf ihrem Weg von den ersten Tönen bis zur solistischen Reife. Wer ein Leistungsabzeichen am Revers seiner Uniform trägt, zeigt – zurecht mit einem gewissen Stolz – zugleich ein Stück musikalische Identität. Doch Identitäten sind nichts Starres. Die Welt, in der Kinder heute aufwachsen, ist geprägt von ständiger Verfügbarkeit, digitaler Interaktion und kurzen Reaktionszeiten. Lernen geschieht unterwegs, in kleinen Portionen, oft beiläufig. Die klassischen Formen musikalischer Theorievermittlung geraten da leicht ins Hintertreffen.

Ein Schritt mit Signalwirkung

Der Schritt der BDB-Bläserjugend, das JMLA mit einer App zu verknüpfen, ist deshalb kein technischer, sondern auch ein pädagogischer: Earz soll nicht ersetzen, sondern ergänzen – als Werkzeug, das vertraute Strukturen mit neuen Formen des Lernens verknüpft. Seit Beginn des aktuellen Schuljahres ist die App offiziell freigeschaltet. Bereits über 200 Jugendliche aus 121 Vereinen nutzen sie. Die Finanzierung wurde durch den Hauptausschuss des BDB freigegeben – ein deutliches Signal der Unterstützung für die digitale Zukunft der Ausbildung. Die Zusammenarbeit mit dem niederländischen Entwicklerteam von Earz ermöglichte die Integration einer eigenen „BDB-Welt“ innerhalb der App, in der die Verbandsstruktur inklusive aller Mitgliedsvereine abgebildet ist. Registriert sich ein Nutzer mit der ComMusic-Nummer seines Vereins, wird er automatisch zugeordnet – Verwaltung wird damit zum Nebenschauplatz, das Lernen rückt in den Vordergrund.

Spielen, um zu lernen

Der Ansatz ist spielerisch – im wörtlichen wie im übertragenen Sinn. Punkte, Prämien und Ranglisten schaffen Anreize. Aktuell stehen 17 Spiele für Junior 1 und 30 Spiele für Junior 2 bereit. Die Aufgaben basieren auf den offiziellen JML A-Prüfungsbögen, wurden aber neu gedacht: als interaktive Formate, die Musikkunde, Rhythmik und Gehörbildung nicht nur abprüfen, sondern erfahrbar machen. Bis zum Jahreswechsel sollen auch die Inhalte für das JMLA Bronze folgen. Doch damit ist das Projekt keineswegs abgeschlossen. Die App soll wachsen, sich weiterentwickeln – nicht zuletzt dank einer geplanten Lehrer- und Ausbilder-Ebene, über die Musikpädagoginnen und -pädagogen künftig Einblick in die Lernfortschritte ihrer Schüler erhalten können.

Earz App, Lernfeld der JMLA Abzeichen
Earz App, Lernfeld der JMLA Abzeichen

„Wenn wir sehen, dass sich Kinder mit einer Aufgabe schwertun, können wir unkompliziert weiteres Übematerial zur Verfügung stellen“, erklärt Marco Geigges, Vorsitzender der BDB-Bläserjugend. „Auch wenn sich etwas ändert, müssen wir nicht gleich eine neue Auflage des Lehrbuchs drucken, sondern können flexibel und in Echtzeit Verbesserungen vornehmen.“ Es ist ein Satz, der die Stärke der digitalen Lernwelt auf den Punkt bringt – und zugleich die Frage nach den Grenzen der digitalen Welt aufwirft. „Natürlichgeht nicht alles digital. Einen Violin- oder Bassschlüssel sollte jeder Instrumentalschüler und jede JMLA-Absolventin bzw. jeder JMLA-Absolvent von Hand zeichnen können.“

Tradition mit Anschluss

Die Verbindung aus pädagogischem Anspruch, technischer Innovation und institutioneller Weitsicht ist ungewöhnlich – nicht nur in der Blasmusik. Während viele Musikverbände zögern, sich der digitalen Didaktik zu öffnen, hat die BDB-Bläserjugend einen Prototyp geschaffen, der zum Modellfall werden könnte.
Der Zugang zur App haben alle Mitglieder des BDB kostenfrei. Mehr noch: Die Anmeldung über die Webseite der Bläserjugend ist unkompliziert und dauert keine Minute. Das Einzige, was dafür benötigt wird, ist die ComMusic-Nummer des Vereins. „Die muss man bei den Vereinsverantwortlichen erfragen. Dann aber kann man sofort loslegen“, führt Niko Halfmann aus. Die Anmeldung erfolgt über die Website der Bläserjugend, die App ist für mobile Endgeräte verfügbar, der Einstieg niedrigschwellig.

Earz App, Lernfeld der JMLA Abzeichen

Wer will, kann sofort loslegen – ganz im Geiste einer Jugend, die weniger in Semestern, sondern in Sofort-Momenten denkt.

Ein Ausblick, der Mut macht

Natürlich: Auch Earz wird die Wirklichkeit der Musikvereine nicht auf den Kopf stellen. Präsenzunterricht bleibt unerlässlich, das gemeinsame Musizieren unersetzlich. Aber die App schafft Räume – digitale Räume, in denen junge Menschen eigenständig, selbstwirksam und mit Freude lernen können. Mit Earz zeigt die BDB-Bläserjugend, dass Tradition und Innovation kein Widerspruch sind. Die Ausbildung bleibt solide, praxisnah und fördernd – wird gleichzeitig moderner, flexibler und spielerischer. Earz verbindet bewährte Ausbildungsinhalte mit zeitgemäßen Lernformen, motiviert Kinder und Jugendliche und unterstützt Ausbilderinnen und Ausbilder gleichermaßen. Die BDB-Bläserjugend macht damit wieder einmal deutlich: Sie ist bereit, neue Wege zu gehen – mit Begeisterung, Engagement und einem klaren Blick in die Zukunft. In einer Zeit, in der die kulturelle Bildung oft um Aufmerksamkeit ringen muss, setzt die BDB-Bläserjugend mit Earz ein Zeichen. Eines, das leise beginnt – aber lange nachklingen könnte.

Nikolaus Halfmann / Martina Faller

Jugendliche bei Verwendung der Earz App