Der Komponist Ralph Bernardy ist ein Künstler, der Grenzen überschreitet und gerne Heterogenes zusammenführt, um Neues entstehen zu lassen. Seine Musik bewegt sich mit bemerkenswerter Selbstverständlichkeit zwischen Jazz und Klassik, Tradition und Gegenwart. Doch was ihn im Kern auszeichnet, ist ein tiefes Gespür für Energie, Klangfarben und die Lebendigkeit musikalischer Kommunikation.

Das Komponieren begleitet Ralph Bernardy seit frühester Kindheit. Es ist für ihn ein natürliches Ausdrucksmittel. „Ich komponiere,seit ich denken kann“, erinnert er sich. Schon als Sechsjähriger begann er, am Klavier zu improvisieren und eigene musikalische Gedanken festzuhalten. „Das Komponieren war schon immer mit dem Musikmachen verbunden. Ich habe mich ans Klavier gesetzt, improvisiert und wollte die Ideen festhalten und dann zu etwas Größerem ausbauen. So habe ich über das eigene Machen einen intuitiven Zugang zum Komponieren entwickelt.“ Der Drang, musikalische Ideen zu strukturieren und weiterzuentwickeln, ließ ihn schon in Jugendjahren privaten Kompositionsunterricht nehmen und führte ihn später ins Kompositionsstudium – unter anderem bei dem renommierten deutschen Komponisten Wolfgang Rihm, dessen Verständnis von Energie und Ausdruck Spuren in Bernardys Werk hinterlassen hat. „Er war eine von vielen prägenden Figuren“, betont Bernardy mit Blick auf seine Lehrer. Vom ersten Instrumentallehrer über die Musiklehrerin im Leistungskurs bis hin zu Wolfgang Rihm – sie alle beeindruckten und beflügelten den jungen Komponisten, prägten seine Entwicklung als Komponist und halfen ihm, seine eigene Handschrift zu entwickeln. „Ich will etwas musikalisch erzählen“, betont er. Die Musik kommt dabei aus ihm und wird aus seinem Inneren gespeist. Zu sprudeln beginnt die Inspirationsquelle indes aus unterschiedlichen Anlässen. „Das ist ein ungeplanter, spontaner Akt“, erklärt er, der sich mal beim Improvisieren am Klavier, mal beim Sport, „wenn die Gedanken frei sind“, oder manchmal auch durch die Begegnung mit neuer Musik ereignet. „Mitunter kommt die entscheidende Idee im ungünstigsten Moment“, weiß er. Dann ist es gut, ein Handy dabei zu haben, um sie festhalten zu können.

“Fast wie eine Obsession”

Seine Arbeitsweise ist dabei alles andere als routiniert. „Ich bin kein Richard Strauss, der nach geregelter Routine komponierte. Wenn ich komponiere, dann verfolgen mich meine Stücke oft den ganzen Tag. In intensiven Phasen verschwimmen dabei die Grenzen von Unterrichten, Lehre, Familie und Komponieren. „Das ist fast wie eine Obsession!“ Umso wichtiger ist für ihn der Rückhalt seiner Familie. „Mein achtjähriger Sohn verfolgt die Entstehung meiner Musik mit echter Begeisterung. Und wenn die Musik meinen Kindern gefällt, dann weiß ich, dass ich auf einem guten Weg bin“, lacht Bernardy. Schon als junger Komponist hat er sich früh und bewusst vorgenommen, ein finanzielles Standbein zu haben, das ihm seine Existenz sichert und ihm seine künstlerische Freiheit lässt – zum Beispiel, um für unkonventionelle Besetzungen zu komponieren, Grenzen auszuloten oder Neues zu erforschen. „Mich reizt es, aus der Konfrontation von Heterogenem etwas Neues entstehen zu lassen.“ Seine Professur für Gehörbildung an der Hochschule für Musik in Basel gibt nicht nur genau diese Sicherheit, die er für seine künstlerische Freiheit braucht. “Die Gehörbildung und das Komponieren liegen nicht weit auseinander“, weiß er. Die Bildung des Gehörs, das „In-sich-Hineinhören“, findet jederzeit statt und ist die Voraussetzung für das Komponieren auf dem Papier. Im Unterricht mit den Studierenden wird dieser Prozess oft auf produktive Weise angestoßen. Das Unterrichten ist für Bernardy deshalb weitaus mehr als ein Brotberuf. Vielmehr befruchten sich die Lehre und das Komponieren wechselseitig. „Das inspiriert sich gegenseitig. Die Arbeit mit jungen Musikern ist eine große Inspiration für mich. Dadurch bin ich immer am Puls der Zeit.“ Darüber hinaus schätzt Bernardy das Unterrichten als einen willkommenen Ausgleich zum einsamen Prozess des Komponierens. Selbst von der Geige und dem Klavier kommend, entdeckt Bernardy im Studium die Blasmusik. Er begann damit, Musikvereine zu dirigieren und tauchte ein in einen faszinierenden Kosmos und ein offenes Spielfeld. „Das hat mir viel Spaß gemacht, mich weitergebracht, mir neue Perspektiven eröffnet und in mir das Interesse geweckt, eigene Musik beizusteuern.“ Schnell lernte er das Blasorchester als Klangkörper zu schätzen. “Mir gefällt die Klanglichkeit des Blasorchesters. Es ist frischer und unverbrauchter, und – wenn es groß besetzt ist – ungeheuer farbenintensiv.“ Besonders schätzt er die stilistische Offenheit des Blasorchesters, die lebendige Musikkultur und die Offenheit für neue Kompositionen. „In der Blasmusik wird neue Musik gespielt, die trotzdem unterhaltsam und populär sein darf.“ Unterhaltung und musikalischer Tiefgang bilden dabei für ihn keinen Widerspruch.

Der Weg zum Porträtkonzert

Ein gemeinsames Konzertprojekt mit dem Landespolizeiorchester und der Stadtmusik Lörrach stellt all das im Oktober eindrücklich unter Beweis. Die Initialzündung dafür ging aus einem engen künstlerischen Austausch mit Stefan Halder hervor. Gemeinsam mit dem Leiter des LPO entwickelte Bernardy die Idee eines Porträtkonzerts – ein ambitioniertes Vorhaben, das die Profimusiker des LPO mit Amateurmusikern aus dem Dreiländereck vereint und das facettenreiche kompositorische Schaffen von Ralph Bernardy zeigt. Drei Uraufführungen und zwei weitere Werke trägt Ralph Bernardy für das Konzert bei, darunter ein Klavierkonzert und – maßgeschneidert für den Solisten – auch ein Konzert für Saxophon. Die erste Probe mit dem Landespolizeiorchester hat Bernardy gerade absolviert und wenn er davon erzählt, gerät er ins Schwärmen. „Es war toll zu erleben, wie die Werke über sich hinauswachsen durch das Zutun hervorragender Musiker und Solisten. Jeder hat sich bemüht in die Vollen zu gehen und etwas zu erzählen.“ Als Komponist steckt er sehr viel Vorstellungskraft in seine Werke. „Dann zu erleben, wie mehr zustande kommen kann, als das, was ich mir vorgestellt habe, das ist sehr besonders!“ Die Vorfreude auf das Konzert ist bei Ralph Bernardy schon spürbar und wächst von Tag zu Tag. Sicher ist er sich aber heute schon: „Durch das Live-Erlebnis kommt im Konzert noch einmal ein Funke obendrauf!“

Text: Martina Faller
Fotos: u.a. Eri Mantani