Von der Ausnahme zur Selbstverständlichkeit: Frauen prägen heute die Blasmusik – auf der Bühne, am Taktstock und in der Vereinsführung. Doch der Weg dorthin war alles andere als selbstverständlich. Ein Blick in die Geschichte zeigt, wie hart dieser Platz erkämpft wurde – und warum Initiativen wie das „größte Frauenblasorchester Baden-Württembergs“ ein starkes Zeichen für die gewachsene Anerkennung setzen.

Wenn Regina Hemmerich heute in Fessenbach in ihre Klarinette bläst, dann erklingt mehr als nur Musik. Zum Klingen kommt auch ein Wendepunkt in der Geschichte der Blasmusik. Denn vor genau 50 Jahren war Regina eines der ersten Mädchen im örtlichen Musikverein. „Vorher ging es nicht, das war halt ein Männerclub“, sagt sie und lacht beim Interview mit dem SWR ins Mikrofon. Es ist ein Satz, der leicht daherkommt und doch eine unumstößliche Tatsache beschreibt: Die Blasmusik war lange Zeit eine Männerdomäne.

Doch damals, in den 1970er-Jahren, begann sich etwas zu verändern und zu verschieben. Mädchen durften plötzlich mitspielen. Nicht überall, nicht selbstverständlich, aber immerhin: „Als es dann hieß: Mädchen dürfen jetzt in den Musikverein, da waren wir schon froh, dass wir uns mal zeigen können. Und da hab‘ ich gedacht, da mache ich jetzt mit!“

Regina Hemmerich ist eine von vielen, die diesen Anfang verkörpern. Keine Heldin im klassischen Sinn, eher eine Pionierin wider Willen. Eine, die mitmacht, wenn sich die Gelegenheit ergibt, obwohl sie lange nicht vorgesehen war. Dass Frauen heute in der Blasmusik selbstverständlich sind, war lange Zeit alles andere als das – im Gegenteil. „Frauen waren nicht vertreten“, heißt es nüchtern im Kapitel zur Entstehung der Amateurblasmusik in der „Historie zur geblasenen Musik“. Und tatsächlich: Über Jahrzehnte hinweg blieb die Welt der Blaskapellen eine männliche Domäne. Die Gründe dafür reichen zurück zu den Ursprüngen der zivilen Blasmusik aus der Militärmusik heraus – einer Sphäre, in der Frauen keinen Platz hatten. Was als strukturelle Voraussetzung begann, wurde über Generationen zur kulturellen Gewissheit: Blasmusik war Männersache. Punkt. Dass es auch anders ging, zeigt ein Blick über den Atlantik. Ende des 19. Jahrhunderts gründete die amerikanische Bandleaderin Helen May Butler eigene Damenkapellen, tourte durch die USA und spielte vor Präsidenten. Ihre „Ladies’ Brass Band“ wurde gefeiert, sie selbst als „weiblicher Sousa“ bezeichnet. Doch für Europa war Amerika weit weg und selbst wenn es die Kunde von der „Ladies Brass Band“ über den Atlantik geschafft haben sollte, so blieb sie doch ohne unmittelbare Auswirkungen auf die deutsche Blasmusik.

Frühe Belege: Frauen als Ausnahmefälle und Randnotizen

Hier tauchten Frauen zunächst nur als Randnotizen auf. In Chroniken der 1950er- und 1960er-Jahre erscheinen sie als Ausnahme. Da ist dann etwa von einem „ersten und einzigen Mädchen“ im Register die Rede. Solche Einträge sind typisch für Vereinschroniken: Frauen werden nicht statistisch erfasst, sondern als Besonderheit hervorgehoben – als Ausnahmen, nicht als Vorboten eines Wandels.

Gudrun Müller empörte sich als junges Mädchen über einen Artikel, den sie in einer Blasmusikzeitung aus dem Jahr 1964 fand. Darin wurden junge Männer und Knaben aufgerufen, in Musikvereine einzutreten und ein Instrument zu lernen. „Keine Rede war da von Mädchen oder Frauen“, erinnerte sie sich. Dabei hatte sie selbst 1970 im Alter von zehn Jahren mit drei weiteren Mädchen bei der Musik- und Feuerwehrkapelle Teningen mit dem Klarinettenunterricht begonnen und wurde bereits drei Jahre später ins Vereinsorchester aufgenommen.

Gudrun Müller und ihre Klarinettenmädchen konnten damals von einem Umdenken profitieren, das Anfangder 1970er-Jahre in den Vereinen einsetzte. Um Nachwuchsproblemen entgegenzuwirken, begannen viele Vereine nämlich eine systematische Jugendausbildung aufzubauen und in diesem Zuge auch Mädchen anzuwerben – zunächst zögerlich, oft aus pragmatischen Gründen oder aus persönlichen Motiven der Dirigenten und Vorsitzenden. Man brauchte Klarinetten, Flöten, Saxophone – und plötzlich waren auch Mädchen willkommen.

Für viele der frühen Musikerinnen war der Einstieg dennoch kein leichter. Gudrun Müller erinnert sich an die Skepsis, die ihnen entgegenschlug. „Musikalisch konnten wir das Klarinettenregister recht schnell unterstützen“, berichtete sie. Allenthalben sahen sie sich aber mit vielen Vorbehalten konfrontiert. „Es herrschte einstimmig die Meinung, dass Mädchen spätestens mit der Heirat den Verein verlassen werden. Offensichtlich existierte in den Köpfen der Männer immer noch die traditionelle Geschlechterrolle, in der eigene Hobbys für eine Frau nicht vorgesehen waren.“

Die Zukunft ist weiblich?

Gudrun Müller blieb und mit ihr viele andere Frauen in anderen Vereinen. Sie musizierten, probten, organisierten, engagierten sich und übernahmen Verantwortung. Aus den „Klarinettenmädchen von einst“ wurden tragende Säulen der Vereine. Gudrun Müller selbst ist dafür ein Beispiel: Seit mehr als fünf Jahrzehnten ist sie als Musikerin aktiv und im Vorstand engagiert, als langjährige Verbandsrechnerin des Oberbadischen Blasmusikverbandes auch auf Verbandsebene.

Dass der Weg in die Vorstandsetagen für Frauen nicht selbstverständlich war und es dauerte, bis sie in den Verbandsgremien ankamen, das weiß Gudrun Müller nur zu gut. „1992 wurde mit Waltraud Iselin die erste Frau als Bezirksvorsitzende in das Verbandspräsidium des Oberbadischen Blasmusikverbandes OBV gewählt“, weiß Gudrun Müller, „und heute besteht das Präsidium zu einem Drittel aus Frauen“.

Vor diesem Hintergrund war es nur eine Frage der Zeit, bis Frauen auch an den Verbandsspitzen stehen würden. Im Oberbadischen Blasmusikverband war es 2019 so weit. Mit Sabine Wölfle wurde die erste Frau an die Spitze eines Blasmusikverbandes gewählt. Ihrem Vorgänger im Amt, Harald Bobeth, war es damals ein wichtiges Anliegen, dass ihm eine Frau im Amt des Verbandspräsidenten nachfolgt. „Wir haben gesehen, dass viele Frauen in unseren Orchestern musizieren, Vorstandsämter bekleiden und die Blasmusik unterstützen. Da wurde es Zeit, dass eine Frau Präsidentin wird.“ Fünf Jahre später zogen mit Sigrid Baumann und Claudia Weiß erstmals auch zwei Frauen ins Präsidium des Bundes Deutscher Blasmusikverbände.

Dort ist die Zukunft weiblich. Ein Blick auf die Zahlen, sprich, in die Mitgliederstatistik des BDB, bestätigt diesen Trend. Liegen bei den Aktiven insgesamt die Männer noch zahlenmäßig vorne (34.453 Männer / 31.840 Frauen), haben die Mädchen bei den unter 18-Jährigen die Jungs inzwischen eingeholt (10.376 Jungs / 13.342 Mädchen).
Und so veränderten sich mit der Zeit nicht nur die Besetzungen der Orchester, sondern auch ihr Selbstverständnis. Frauen eroberten Instrumente, die lange als unpassend galten – Tuba, Posaune, Schlagwerk, Vorstandsposten und Dirigentenpulte. Heute dirigieren Frauen, führen Vereine und sitzen in Gremien und Präsidien.

Vom Sonderfall zur gefeierten Normalität

Und so zeigt sich heute in den meisten Musikvereinen ein ähnliches Bild wie beim Musikverein Fessenbach: Die Besetzung der Blaskapelle besteht zu 43 % aus Frauen und Mädchen. Im Vorstand liegt die Frauenquote sogar noch höher. Dort sind nahezu alle wichtigen Posten, vom Vorsitz über die Schriftführung und Jugendleitung bis hin zu drei von fünf Beisitzerposten mit Frauen besetzt. „Ohne diese Frauen wäre unser Verein heute nicht mehr vorstellbar“, betont Ulrich Litterst vom MV Fessenbach. In dem kleinen 1.300-Einwohner-Dorf in der Ortenau ist es genau 50 Jahre her, dass die ersten Mädchen in den Verein aufgenommen wurden. Für Ulrich Litterst ist das ein Grund zu feiern. Und deshalb entsteht dort, wo Regina Hemmerich einst als eines der ersten Mädchen begann, Klarinette zu spielen, dieses Jahr ein Projekt, das Symbolkraft besitzt: das größte Frauenblasorchester Baden-Württembergs. Mehr als 250 Musikerinnen haben sich bereits angemeldet. Regina Hemmerich ist selbstverständlich mit dabei. Und Gudrun Müller ist am Überlegen, ob sie mit einer Abordnung Frauen aus ihrem Verein am 4. Juli nach Fessenbach fährt, um die Intention des Projekts zu unterstützen. Eine erste Probe mit über 40 Musikerinnen fand bereits statt und erzeugte ein Bild, das es so früher nicht gegeben hätte: Frauen aller Generationen, an allen Instrumenten, vereint in einem Orchester. Kein Sonderfall mehr, sondern Ausdruck einer neuen Normalität.

Mit dem größten Frauenblasorchester Baden-Württembergs will der Musikverein Fessenbach ein Zeichen setzen. „Wir wollen honorieren, was Frauen bei uns im Musikverein und generell in der Blasmusik inzwischen machen“, betont Litterst. Mehr noch: „Wir wollen zeigen, wie viel Frauen-Power in der Blasmusik steckt und dass die Blasmusik offen ist für alle Geschlechter und alle Generationen.“ Und das ist auch für das Jubiläum „100 Jahre BDB“ eine großartige Botschaft.

Martina Faller