1926 war für die deutsche Blasmusik ein Jahr von außergewöhnlicher Symbolkraft. In Donaueschingen setzte Paul Hindemith bei den Donaueschinger Musiktagen mit dem Konzert „Originalkompositionen für Militärmusik“ ein ästhetisches Ausrufezeichen. 65 Kilometer weiter westlich, in Freiburg, wurde im selben Jahr der Vorläufer des heutigen Bundes Deutscher Blasmusikverbände gegründet. Zwei Ereignisse, die zunächst nichts miteinander zu tun haben und doch eng miteinander verbunden sind: Hier die künstlerische Vision eines neuen Repertoires, dort die organisatorische Grundlage, um diese Vision in die Fläche zu tragen.
Man nehme eine bierselige Blaskapelle mit schlechter Intonation, kleide sie in bunte Trachten oder steife Uniformen, füge als Kulisse ein Bierzelt, ein Volksfest oder einen Festumzug hinzu und würze das Ganze musikalisch mit einem Potpourri aus Märschen, Walzern und Polkas, und fertig ist das Image der Blasmusik. Die Blasmusik hat zwar längst viel mehr zu bieten als die sprichwörtliche „Dicke-Backen-Musik“ und ist als Musikszene so innovativ wie kaum eine andere. Doch das Image hält sich unverwüstlich. Das mag daran liegen, dass diese Vorstellung vielerorts noch mit der Realität übereinstimmt. Ein Grund für die Haltbarkeit dieses Vorurteils ist aber sicherlich auch darin zu finden, dass sich das Repertoire von Blaskapellen lange auf genau diese Gebrauchsmusik beschränkte. Denn noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts war die Rolle der Blasmusik klar definiert: Sie begleitete Prozessionen oder andere kirchliche Anlässe, Umzüge, Volksfeste und Tanzveranstaltungen und Märsche, Polkas, Ländler und Walzer bestimmten den Ton. Im gesellschaftlichen Leben waren Blaskapellen – und sind sie bis heute – fest verankert. Als eigenständige, ernstzunehmende Konzertensembles indes wurden sie lange kaum wahrgenommen. Obwohl sie mit Bearbeitungen populärer Operetten oder Opern die Melodien der Kunstmusik unters Volk brachten und damit gerade im ländlichen Raum durchaus einen wertvollen Beitrag zur kulturellen Bildung leisteten, schafften es Blasorchester nicht, sich aus dem Schatten der Sinfonieorchester zu lösen. Mehr noch: Sie kreierten ein Dilemma, das die Weiterentwicklung der Blasmusik verhinderte: Wo sich Bearbeitungen, Transkriptionen und Arrangements fest im Repertoire etabliert haben, bleibt kaum Raum für Originalkompositionen mit künstlerischem Anspruch.
England als Taktgeber einer neuen Blasorchesterkultur
Der entscheidende Impuls für die Entwicklung eines eigenständigen Repertoires für Blasorchester kam zu Beginn des 20. Jahrhunderts aus England. Während auf dem europäischen Festland bei Wettbewerben und Konzerten noch überwiegend Opern- und Orchesterbearbeitungen dominierten, etablierten sich auf den britischen Inseln früh zwei Klangkörper, die das musikalische Selbstverständnis der Blasmusik nachhaltig prägten: die Military Bands und die reinen Blechbläserensembles der Brass Bands. Mit dem seit 1900 ausgetragenen National Brass Band Festival entstand ein hochkarätiges Forum, das technische Exzellenz mit künstlerischem Anspruch verband und gezielt neue Werke in Auftrag gab. Für diese Wettbewerbe konnten einige der bedeutendsten Komponisten ihrer Zeit gewonnen werden, darunter Gustav Holst, Edward Elgar, Ralph Vaughan Williams und Granville Bantock. Damit vollzog England einen ästhetischen Paradigmenwechsel: Statt Transkriptionen trat zunehmend originär für Blasorchester gedachte Musik in den Mittelpunkt. Das Blasorchester emanzipierte sich von seiner Rolle als militärischer Klangkörper und wurde zu einem ernstzunehmenden konzertanten Medium.
Eine Schlüsselfigur dieser Entwicklung war Percy Grainger. Der aus Australien stammende Komponist ließ sich nach seiner Übersiedlung nach London 1901 von der britischen Bandkultur inspirieren und schuf mit Werken wie „Hill-Songs“, „Irish Tune from County Derry“ und später der monumentalen „Lincolnshire Posy“ einige der ersten künstlerisch anspruchsvollen Originalkompositionen für Blasorchester. Grainger erkannte früh das expressive Potenzial des Ensembles und behandelte es mit derselben kompositorischen Ernsthaftigkeit wie ein Sinfonieorchester.
Verbindung aus nationaler Tradition und kompositorischer Innovation
Den eigentlichen Durchbruch markierten jedoch die beiden „Suites for Military Band“ von Gustav Holst aus den Jahren 1909 und 1911. Holst, selbst ausgebildeter Posaunist, entwickelte eine neuartige, farbenreiche Instrumentation, die die unterschiedlichen Register des Blasorchesters zu einem transparenten und zugleich volltönenden Gesamtklang verband.
Er schuf damit erstmals ein klangliches Ideal, das nicht mehr von Märschen und Bearbeitungen geprägt war, sondern von eigenständiger musikalischer Gestaltung. Werke wie die „Moorside Suite“ und „Hammersmith“ festigten diesen neuen Standard. Unter Holsts Einfluss wandte sich auch Ralph Vaughan Williams dem Blasorchester zu. Seine „Folk Song Suite“, „Sea Songs“ und das „Concerto grosso“ gehören bis heute zum Kernrepertoire. Gemeinsam mit Komponisten wie Gordon Jacob begründete er eine Tradition, die sich durch klare Formen, barocke Vorbilder und eine intensive Beschäftigung mit englischer Volksmusik auszeichnete. Gerade diese Verbindung aus nationaler Tradition und kompositorischer Innovation machte die englischen Werke wegweisend. Volksmelodien dienten nicht länger als bloßes Potpourri-Material, sondern wurden zum strukturellen Fundament von Kompositionen, die eine neue, unverwechselbare Tonsprache für Blasorchester entwickelten. England wurde damit zum ersten Land, in dem das Blasorchester als eigenständiger künstlerischer Klangkörper ernst genommen wurde.

Gustav Holst revolutionierte die Blasorchesterliteratur durch eine neuartige, farbenreiche Instrumentation.
Foto: National Portrait Gallery by Herbert Lampert
Voraussetzungen für diese Entwicklungen
Grundsätzlich wurden diese Entwicklungen in der Literatur erst möglich durch
- die Entwicklungen im Instrumentenbau.
- die Aufwertung des Bläserapparats im Sinfonieorchester in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts etwa in den Werken von Wagner, Mahler, Strauss, Debussy und Ravel, die die ungeheure Wirkungskraft der Bläser aufzeigten und zur Wiederentdeckung reiner Bläsermusik führte: „Von dort war es nur noch ein kleiner Schritt zur Idee, sinfonische oder konzertante Musik ausschließlich für Bläser zu komponieren.“ (Bodendorff, 2002)
- den Aufschwung des Laienmusikwesens in den 1920er-Jahren mit einer deutlichen Leistungssteigerung der Blaskapellen und neuen Ansprüchen an das Repertoire.
- das Aufkommen des Rundfunks und der Tonträger. Plötzlich hörte man, wie das Original einer Transkription wirklich klingt.
Donaueschingen 1926: Hindemiths Vision eines modernen Blasorchesters
Die Entwicklungen in England sind sicherlich auch dem deutschen Komponisten Paul Hindemith nicht verborgen geblieben. Zumal es im deutschen Sprachraum Anfang des 20. Jahrhunderts Pioniere wie Hermann Grabner, Paul Höffer, Harald Genzmer, Bruno Stürmer, Eberhard Ludwig Wittmer und Boris Blacher gab, die Originalkompositionen für Blasorchester schufen.
Es gab also durchaus einen gewissen Nährboden für Paul Hindemiths Vision. Als prägender Gestalter der Donaueschinger Musiktage hatte er die Idee, die Donaueschinger Musiktage 1926 unter den programmatischen Titel „Originalkompositionen für Militärmusik“ zu stellen und einen Aufruf an zeitgenössische Komponisten zu starten: Komponisten sollten nicht länger Transkriptionen und Arrangements vorhandener Werke für Blasorchester anfertigen, sondern nach neuen Ausdrucksformen suchen und neue Musik eigens für diese Besetzung schreiben. Damit wurde das Blasorchester erstmals ausdrücklich als autonomer künstlerischer Klangkörper verstanden – mit eigenen Farben, eigenen Möglichkeiten und einem eigenen ästhetischen Anspruch. Der Aufruf fiel auf fruchtbaren Boden: Die Komponisten Ernst Křenek, Paul Dessau und Ernst Toch erklärten sich sofort bereit, Kompositionen für Militärorchester beizutragen und auch Ernst Pepping freute sich: „Ich bitte Sie, mir häufiger so ausgezeichnete Vorschläge zu machen.“ (zitiert nach Bodendorff 2002) Die Uraufführungen ihrer Werke gelten heute als Gründungsdokumente der deutschen Originalliteratur für Blasorchester. Neben Hindemiths eigener „Konzertmusik für Blasorchester“, op. 41 erklangen bei den Donaueschinger Musiktagen 1926 Ernst Tochs „Spiel für Blasorchester“, op. 39, Ernst Křeneks „Drei Märsche für Militärorchester“, op. 44 sowie die „Kleine Serenade für Blasorchester“ von Ernst Pepping. Diese Werke lassen das Ziel erkennen, die Blasmusik aus ihren bisherigen Zusammenhängen herauszulösen und zur Konzertmusik werden zu lassen. Und sie machen die Intention deutlich, das Militärorchester zum sinfonischen Blasorchester umzugestalten: als Medium moderner, anspruchsvoller Konzertmusik.
Donaueschingen 1926 – ein ästhetisches Signal mit verspäteter Wirkung
Aus heutiger Betrachtung reicht die Bedeutung dieses Moments „Donaueschingen 1926“ weit über die damaligen Uraufführungen hinaus. Donaueschingen 1926 war ein ästhetisches Signal: Das Blasorchester wurde auf eine Stufe mit Streich- und Sinfonieorchestern gestellt. Renommierte Komponisten der Avantgarde behandelten es mit derselben Ernsthaftigkeit wie jede andere Konzertbesetzung und unterstrichen, dass Blasorchester nicht nur Träger populärer Unterhaltung oder militärischer Repräsentation, sondern ein vollwertiges Instrument zeitgenössischer Kunstmusik sein konnten.

Das Original-Plakat der Donaueschinger Kammermusik-Aufführungen 1926 ist heute ein historisches Dokument, das die erstmalige Aufführung originaler Kompositionen für Militär- und Blasorchester im Rahmen dieser wegweisenden Konzertreihe belegt.
Quelle: Stadt Donaueschingen
Vor hundert Jahren jedoch blieb dieses Signal ohne Nachhall. Mehr noch: „Diejenigen, die es anging, nahmen keine Notiz davon“, schrieb Wolfgang Suppan mit Blick auf damalige Rezensionen. „In den Blasmusikzeitschriften der 1920er-Jahre findet sich keine Notiz darüber, weder vorher noch nachher!“ Und so verpufften die Impulse aus Donaueschingen zunächst wirkungslos. Die Gründe dafür sind schnell aufgezählt: Die Kompositionen waren zu avantgardistisch für Traditionalisten, zu schwer und kompliziert für Laienorchester und, was am schwersten wog, sie passten nicht zur Ideologie des heraufziehenden Nationalsozialismus und zum Rhythmus in den Krieg marschierender Stiefel. Mit der Instrumentalisierung der Blasmusik für die NS-Propaganda isolierte sich die deutsche Blasmusik von den internationalen Entwicklungen und brauchte lange, um nach der Zäsur des Zweiten Weltkrieges wieder Anschluss zu finden. Die Protagonisten von Donaueschingen 1926, Ernst Křenek, Ernst Toch und Paul Hindemith, emigrierten in die USA, wo die Donaueschinger Blasorchesterkompositionen aufgeführt wurden, großen Zuspruch erhielten und viele Jahre später wieder den Weg zurück über den Atlantik zu ihrem Ausgangspunkt nach Deutschland fanden.
Die Blasmusik als reine Kunstform in den USA
Ohnehin waren es auffällig oft emigrierte europäische Komponisten, die die US-Blasmusik zu Beginn prägten. Auch Arnold Schönberg trug sich mit seinem „Thema und Variationen, op. 43a“ in diese Liste ein. Weitere bedeutende Komponisten waren und sind bis heute Samuel Adler, Samuel Barber, James Barnes, Aaron Copland, Paul Creston, James Curnow, David Maslanka, Václav Nelhýbel, Vincent Persichetti, Alfred Reed, Claude T. Smith und Frank Ticheli, um nur einige zu nennen. Diese Komponisten griffen die Entwicklungen der englischen Blasmusik zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf und konnten sie in den USA frei von geschichtlichen Zwängen, ohne eine prägende Ideologie und ohne Unterbrechung durch einen Krieg im eigenen Land, zur reinen Kunstform ausbauen. Während in den USA und in einigen europäischen Ländern bereits früh ein anspruchsvolles Originalrepertoire für Blasorchester entstand, tat sich Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg schwer, an diese Entwicklung anzuschließen. Belastet durch ihre instrumentalisierte Rolle in der Zeit des Nationalsozialismus wurde die Blasmusik vielerorts mit Skepsis betrachtet. Neu gegründete Musikkorps bei Polizei und Bundeswehr orientierten sich deshalb bewusst zunächst an den Traditionen des 19. Jahrhunderts. Auf den Notenpulten standen erneut Märsche, Operntranskriptionen, Potpourris und gefällige Unterhaltungsmusik. Auch im zivilen Bereich dominierte wieder die Gebrauchsmusik. Die wiedergegründeten Amateurorchester sahen ihre Aufgabe erneut vor allem in der Begleitung von Prozessionen, Dorffesten und Feierlichkeiten. Entsprechend gefragt waren Polkas, Walzer und volkstümliche Stücke, wie sie Komponisten wie Willy Schneider, Edmund Löffler und Ernest Majo lieferten. Konzertante Literatur mit künstlerischem Anspruch spielte zunächst kaum eine Rolle.
Neue Literatur für eine neue Generation von Musizierenden
Mit dem systematischen Ausbau der Jugendarbeit in den 1970er- und 1980er-Jahren jedoch stieg das Niveau der Orchester deutlich – und mit ihm die Erwartungen einer neuen Generation von Musikerinnen und Musikern an das Repertoire. Der gut ausgebildete Nachwuchs wollte sich nicht länger mit reiner Festzeltmusik begnügen, sondern suchte nach moderner, anspruchsvoller Konzertliteratur. Die Gründung zahlreicher Landesjugend- und Auswahlorchester sowie ambitionierter Projektorchester unterstreicht diesen tiefgreifenden Wandel in der deutschen Blasmusik nachdrücklich. Und so verwandelte sich das Blasorchester in Deutschland innerhalb weniger Jahrzehnte von einem vorwiegend traditions- und unterhaltungsorientierten Ensemble zu einem leistungsfähigen Konzertorchester mit internationalem Repertoire. International deshalb, weil die entscheidenden Impulse zunächst aus dem Ausland kamen, da sich in Deutschland selbst nur zögerlich eine eigenständige Kompositionsszene entwickelte. Besonders Werke niederländischer Komponisten wie Henk van Lijnschooten (Pseudonym Ted Huggens), Johan de Meij und Jacob de Haan prägten das Repertoire. Später gewannen auch Komponisten wie Philip Sparke, Franco Cesarini, Ferrer Ferran und Thomas Doss großen Einfluss auf deutsche Konzertprogramme, während deutsche Komponisten lange in der Minderheit blieben. Eine herausragende Ausnahme ist Rolf Rudin, der sich mit seinen Werken auch international einen Namen gemacht hat.
Repertoireentwicklung
Die höhere Qualität in der Ausbildung, das gestiegene Niveau der Blasorchester und die neue Ausrichtung hin zu originaler, sinfonischer Blasorchesterliteratur setzten in Deutschland einiges in Bewegung – von der Etablierung eigener Studiengänge für Blasorchesterdirektion und Komposition bis hin zur institutionellen Förderung von Originalkompositionen durch die Blasmusikverbände und deren Auswahlorchester. Auch der Bund Deutscher Blasmusikverbände hat seit seiner Gründung im Jahr 1926 die Entwicklung der Blasmusik nicht nur organisatorisch begleitet, sondern musikalisch aktiv geprägt. Durch gezielte Kompositionsaufträge speziell für Jugend- und Auswahlorchester entstand ein Repertoire, das sowohl künstlerischen Anspruch als auch praktische Spielbarkeit miteinander verbindet. Der Verband schuf damit wichtige Voraussetzungen dafür, dass sich neben internationalen Einflüssen auch eine eigenständige deutsche Literatur für Blasorchester entwickeln konnte. Literaturverzeichnisse und Repertoireempfehlungen boten Dirigentinnen und Dirigenten eine verlässliche Orientierung bei der Programmauswahl und halfen dabei, qualitativ hochwertige Werke systematisch in die Vereinslandschaft zu tragen – von traditioneller Blasmusik bis hin zu sinfonischen Großformen. Auf diese Weise wurde musikalische Qualität nicht dem Zufall überlassen, sondern gezielt gefördert. Impulse für die Blasorchesterkultur Auch Wertungsspiele und Wettbewerbe entwickelten sich zu einem entscheidenden Innovationsmotor. Über Pflichtwerke und empfohlene Selbstwahllisten gelangten neue Kompositionen innerhalb kurzer Zeit in zahlreiche Orchester und wurden vielerorts zum festen Bestandteil des Standardrepertoires. Eine Schlüsselrolle übernimmt dabei der Musikbeirat des BDB. Als künstlerisches Kompetenzzentrum bündelt er die Expertise der Verbandsdirigentinnen und -dirigenten aus den Mitgliedsverbänden und entwickelt in enger Zusammenarbeit mit der BDB-Bläserjugend Lehrgangskonzepte, erstellt Pflichtstücklisten, überarbeitet Wertungsspielordnungen, organisiert Fortbildungen für Jurorinnen und Juroren sowie Bildungsfestivals für Dirigierende und schreibt Wettbewerbe aus. Damit setzt er bundesweit Standards für Ausbildung, Bewertung und Repertoireentwicklung – und sorgt dafür, dass musikalische Qualität in den Vereinen nicht dem Zufall überlassen bleibt. So wurde der Verband zu weit mehr als einer Interessenvertretung. Er fungiert seit Jahrzehnten als Impulsgeber, Vermittler und Qualitätsmotor – und trägt maßgeblich dazu bei, dass sich das deutsche Blasorchester von einer traditionsgebundenen Gebrauchsmusikformation zu einem leistungsfähigen Konzertensemble mit vielfältigem und anspruchsvollem Repertoire entwickeln konnte.

In Anlehnung an die Idee von 1926 initierte das Landesblasorchester einen Kompositionswettbewerb mit der Intention, Werke für das deutsche Blasmusikwesen zu schaffen, die deutsche Volkslieder, Folklore und Musiktradition aufgreifen. Der Siegertitel „Drei-Klänge der Heimat“ von Frederik Abel (links) wurde im April in Donaueschingen unter der Leitung von Björn Bus (rechts) uraufgeführt.
Foto: Heinz Bunse
Hindemiths Vision wird Wirklichkeit
War die Blasmusik in den 1920er-Jahren in Deutschland noch nicht in der Lage, Paul Hindemiths Vision aufzugreifen und umzusetzen, so waren spätestens Ende der 1990er-Jahre die Voraussetzungen dafür endlich geschaffen. Einen ersten bedeutenden Schritt markierte die 1996 erschienene CD „Donaueschingen 1926“. Unter der Leitung von Harry D. Bath spielte das Landesblasorchester Baden-Württemberg die Werke von Ernst Křenek, Ernst Toch, Ernst Pepping, Paul Hindemith und Hans Gál ein und machte erstmals jenes visionäre Konzert von 1926 in seiner historischen Bedeutung wieder hörbar. Ein historischer Kreis schließt sich Hundert Jahre nach dem legendären Bläserkonzert der Donaueschinger Musiktage griff das Landesblasorchester diese Idee erneut auf und schrieb anlässlich des Jubiläums den Kompositionswettbewerb „Donaueschingen 2.0“ aus. Ziel war es, zeitgenössische Werke für sinfonisches Blasorchester zu schaffen, die – ganz im Sinne Hindemiths – deutsche Volkslieder, Folklore und musikalische Traditionen aufgreifen und zugleich in eine moderne Tonsprache überführen. Mit seinem Werk „Drei-Klänge der Heimat“ meisterte der 2003 in Geldern geborene Komponist Frederik Abel diese Aufgabe nach Ansicht der Jury am besten. Er verarbeitet in seiner Wettbewerbskomposition die Volkslieder „Viel Wollust mit sich bringet“, „Wenn ich ein Vöglein wär’“ und „Guten Abend, gut’ Nacht“ und entwickelte aus den zunächst eigenständigen Liedern im Verlauf der Komposition ein neues, geschlossenes Ganzes, das traditionelle Melodik mit zeitgenössischer Klangsprache verbindet und zugleich eine Brücke zwischen Tradition und Gegenwart schlägt.
Damit schloss sich im April 2026 ein historischer Kreis: Was 1926 als visionärer Aufbruch in Donaueschingen begann, ist ein Jahrhundert später am selben Ort zu einer lebendigen Realität geworden. Und nicht nur dort: Mit der Wiederentdeckung des Repertoires, der Förderung und Uraufführung neuer Kompositionen und der Aufführung spannender Programme originaler Blasorchesterwerke leisten unzählige Blasorchester im BDB und darüber hinaus bedeutende Beiträge zur zeitgenössischen Blasmusik und setzen starke Zeichen für die Zukunft der Blasorchesterkultur.
Martina Faller
Quellen:
- Bodendorff, Werner: Historie der geblasenen Musik, Buchloe 2002.
- Veit, Gottfried: Die Blasmusik – Meilensteine in der geschichtlichen Entwicklung der Blas- und Bläsermusik.
- Kuhn, Thomas: Von der Harmoniemusik zur Blasmusik – Historische Entwicklung und Werkanalysen von Hindemith, Pepping, Krenek und Toch. Zulassungsarbeit im Fach Schulmusik an der Staatliche Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Mannheim, 2008