Musiktheorie zwischen Probe und Pausenhof, Gehörbildung im Schulbus, Punktestand statt Bleistiftrand: Mit der App Earz bringt die BDB-Bläserjugend das Jungmusiker-Leistungsabzeichen auf die Displays ihrer Nachwuchsmusikerinnen und Nachwuchsmusiker.

Früher war es das Rascheln von Papier, das Umblättern im Theoriebuch, das vorsichtige Nachzeichnen eines Violinschlüssels. Heute ist es ein oranges Symbol auf dem Display. Wer es antippt, betritt mit einem leisen Signalton eine neue Welt – die „BDB-Welt“ in der App Earz. Was hier geschieht, ist mehr als ein technisches Update. Die BDB-Bläserjugend überführt mit dieser Plattform das traditionsreiche Jungmusiker-Leistungsabzeichen ins digitale Zeitalter.

Ein Abzeichen mit Gewicht

Das JMLA ist kein modisches Zertifikat. Es ist ein Ritual, eine Wegmarke. Junior 1, Junior 2, Bronze, Silber, Gold – Stufen, die Generationen von Nachwuchsmusikerinnen und -musikern begleitet haben auf ihrem Weg zur musikalischen und solistischen Reife. Wer das Abzeichen an der Uniform trägt, trägt auch ein Stück Selbstvergewisserung: Ich kann das. Ich habe geübt. Doch die Welt, in der diese Abzeichen erworben werden, hat sich verändert. Lernen passiert heute zwischen zwei Busstationen, in kurzen Intervallen, oft begleitet von digitalen Impulsen. Das Theoriebuch allein reicht nicht mehr. Denn auch in den Schulen ist das digitale Lernen ja inzwischen längst etabliert und die Kinder sind es gewohnt, mit Apps, dem Handy oder auf dem Tablet zu lernen. Und so war der Schritt zur App und zum digitalen Lernen auch für die musikalische Theorievermittlung letztlich unumgänglich, wollte man nicht ins Hintertreffen geraten und als „uncool“ abgestempelt werden.

Spielen, um zu verstehen

Earz ist alles andere als das. Der Ansatz ist spielerisch – im wörtlichen wie im übertragenen Sinn. Punkte, Prämien und Ranglisten schaffen Anreize und machen das Üben zur coolen Challenge. Über 300 Stunden hat Bildungsreferent Nikolaus Halfmann investiert, um die neue Lernwelt zu erstellen. Rund zwei Stunden benötigt er, um ein Spiel „zu bauen“, wie er sagt. Aktuell stehen 17 Spiele für Junior 1 und 30 für Junior 2 bereit, die Bronze-Inhalte sind seit Ende Januar verfügbar, Silber soll nach den Sommerferien folgen. Die Aufgaben orientieren sich an den offiziellen Prüfungsbögen – nur dass sie hier als interaktive Formate erscheinen: Rhythmusdiktate zum Antippen, Gehörbildungsübungen mit Sofort-Feedback, Musikkunde als Challenge. Punkte, Ranglisten, Trophäen. Gamification heißt das im pädagogischen Vokabular. In der Praxis klingt es so: „Ja, es hat mir geholfen – und es hat auch Spaß gemacht“, sagt Pauline, Saxophon-Schülerin. Sie hat sich mit dem Buch vorbereitet, doch bei kniffligen Aufgaben wechselte sie in die App. „Die Spiele werden erklärt. Das ist gut. Ich konnte Sachen noch einmal vertiefen.“ Was sie beschreibt, ist ein Hybridmodell: Das Buch bleibt, aber es bekommt Konkurrenz aus der Hosentasche.

Der Bus als Übezimmer

In Bruchsal sitzt Jakob Scherzinger in einem Proberaum der Musik-und Kunstschule. Er hat seine Theoriekurse zur Vorbereitung auf die Prüfungen zum JMLA Bronze als Testballon genutzt und drei Durchgänge bereits mit der App begleitet. „Vor allem bei der Gehörbildung nehmen die Kinder das sehr gut an“, sagt er. „Die Motivation ist deutlich höher. Viele machen eine Challenge daraus.“ Er erzählt von Ranglisten, von internen Wettkämpfen. Von Schülern, die an der Bushaltestelle noch schnell ein Rhythmusspiel absolvieren. „Theorie genauso oft zu üben wie das Instrument – nämlich im Idealfall täglich – das war früher ein frommer Wunsch. Mit der App wird es realistischer.“ Doch es gibt Grenzen. Im Bronze-Alter besitzen noch nicht alle Kinder ein eigenes Smartphone. „Da braucht es noch die Unterstützung der Eltern“, weiß Scherzinger. Oder eben eine Mutter, die mitlernt.

Mutter, Tochter, Wettkampf

Wie sehr Lernen zur Familienangelegenheit werden kann, zeigt die Geschichte von Melanie Schwabenland aus dem Musikverein Harmonie Wiesental. Mit 40 beginnt sie Posaune zu lernen. Eine Knie-OP, Sportverbot – und der Entschluss, etwas Neues zu wagen. 2025 legt sie gemeinsam mit ihrem Neffen das JMLA in Bronze ab. „Hätte ich damals schon Earz gehabt, hätte ich es um einiges leichter gehabt“, sagt sie. Heute sitzt sie mehrmals pro Woche mit dem Tablet am Küchentisch. Ihre Tochter Romy bereitet sich auf Bronze vor, Melanie auf Silber – obwohl es dafür noch keine App-Inhalte gibt. „Bei der Gehörbildung hilft mir das ungemein“, sagt sie. „Als Späteinsteigerin tue ich mich mit der Gehörbildung etwas schwer. Durch die Wiederholungen geht es gut ins Ohr. Und es macht mehr Spaß, als nur vor dem Buch zu sitzen.“ Manchmal wird daraus ein kleiner Wettstreit, dann, wenn sich die Tochter dazusetzt und mitübt. „Wer zuerst die richtige Antwort sagt, darf drücken.“ Sie lacht. „Meine Tochter ist natürlich fast immer schneller.“ Was hier entsteht, ist mehr als Prüfungsvorbereitung. Es ist ein gemeinsames Ritual. Lernen als Generationenprojekt. Und wenn sie eine Übung nicht mit voller Punktzahl abschließt? „Dann fange ich eben noch einmal von vorne an.“

Viele Chancen auch für Lehrkräfte

Dass die Lern-App auch aus der Perspektive der Lehrkräfte und Ausbilder viele Chancen bietet, hat Jakob Scherzinger schnell erkannt. „Als Lehrer kann ich den Lernstand der Schüler überprüfen und zur Unterstützung individuelle Übungen erstellen“. Und Marco Geigges, Vorsitzender der BDB-Bläserjugend, ergänzt: „Wenn wir sehen, dass sich Kinder mit einer Aufgabe schwertun, können wir unkompliziert weiteres Übematerial zur Verfügung stellen. Und wenn sich inhaltlich etwas ändert, müssen wir nicht gleich eine neue Auflage drucken, sondern können flexibel und in Echtzeit Verbesserungen vornehmen.“ Das klingt pragmatisch – ist aber pädagogisch weitreichend. Earz soll nicht ersetzen, sondern ergänzen – als Werkzeug, das vertraute Strukturen mit neuen Formen des Lernens verknüpft. „Natürlich geht nicht alles digital“, sagt Marco Geigges. Einen Violinschlüssel von Hand zeichnen zu können, bleibt Teil der Ausbildung. Präsenzunterricht bleibt unverzichtbar. Das Orchestererlebnis ist nicht downloadbar.

Einfacher, niederschwelliger Zugang für die Nutzer

Der Zugang zur App ist für alle Mitglieder des BDB kostenfrei. Mehr noch: Die Anmeldung über die Webseite der Bläserjugend ist unkompliziert und dauert keine Minute. Das Einzige, was dafür benötigt wird, ist die ComMusic-Nummer des Vereins. „Die muss man bei den Vereinsverantwortlichen erfragen. Dann aber kann man sofort loslegen“, führt Niko Halfmann aus. Die Anmeldung erfolgt über die Website der Bläserjugend, die App ist für mobile Endgeräte verfügbar, der Einstieg niedrigschwellig. Wer will, kann sofort loslegen. Und viele lassen sich das nicht zweimal sagen, wie die Zahlen belegen.

Zahlen, die nach Zukunft klingen

Knapp 600 Instrumentalschülerinnen und -schüler aus 251 Vereinen nutzen die App bereits. Spitzenreiter ist der Blasmusikverband Hochrhein mit 35 Vereinen und 99 Endnutzern. Auch der Acher-Renchtal-Musikverband und der Alemannische Musikverband melden starke Zahlen. Bei den anderen Verbänden ist die Tendenz steigend. Offensichtlich verschiebt sich da etwas. Die App schafft Räume – selbstbestimmt, flexibel und spielerisch zu lernen. Und diese Räume werden genutzt. Mehr noch: Selbst bei früher unbeliebten Lernfeldern wie Gehörbildung wird jetzt mit Spaß, Freude und hoher Motivation gelernt. Was nicht verwundert. Ermöglicht sie doch individuelles Tempo, unmittelbares Feedback, sichtbaren Fortschritt. In einer Zeit, in der kulturelle Bildung um Aufmerksamkeit ringt, ist das kein Nebenschauplatz. Es ist eine strategische Entscheidung. Die BDB-Bläserjugend hat mit Earz keinen radikalen Bruch vollzogen. Sie hat eine Brücke gebaut. Zwischen Lehrbuch und Lernwelt. Zwischen Tradition und Touchscreen. Das leise Signal am Anfang – es könnte lange nachklingen.

Martina Faller