Das Horn kann mehr als Klassik – davon ist Steve Schaughency überzeugt. Bei den Horntagen Staufen, dem Festival für Horn der BDB-Musikakademie, vom 4. bis 7. Juni 2026, rückt er das Instrument in einen neuen Kontext: Im ersten Workshop für Jazz-Horn zeigt der erfahrene Musiker, warum jedes Instrument ein Jazz-Instrument sein kann – und eröffnet ungewohnte klangliche Perspektiven auf das Horn.
Steve Schaughency wurde 1961 in Endicott, etwa 300 km nordwestlich von New York City, geboren. Sein Vater war Amateurmusiker, sang aber auch im Chor einer lokalen professionellen Operngesellschaft. Steves Großmutter war ausgebildete Konzertpianistin – daher erklang bei ihnen zu Hause stets klassische Musik. Da es in den USA an allen Schulen Musikunterricht und Proben gibt, begann Steve Schaughency in seinem zweiten Schuljahr mit dem Schlagzeugunterricht. Jedoch: „In meinem sechsten Schuljahr fand ich den Klang des Horns aus dem Opernorchester so wunderbar, dass ich es lernen wollte. Mein erster Hornlehrer war der Blasorchesterleiter, der zwar alle Instrumente unterrichten musste, aber eigentlich Jazz-Saxophonist war.“ Als er schließlich erfuhr, dass man an der Universität Blasorchesterleitung studieren konnte, entschied er sich, sein Hobby zum Beruf zu machen. Dabei hatte seine High School eines der besten Jazzprogramme im Nordosten der Vereinigten Staaten. Der Zufall wollte es, dass er hier mit dem Waldhorn einstieg: „Alle Stimmgruppen waren stark, außer die Posaunen. Mein Bandleiter fragte mich, ob ich die erste Posaunenstimme zusätzlich auf dem Waldhorn spielen wolle. So spielte ich während meiner letzten drei High-School-Jahre jeden Tag Waldhorn in einer preisgekrönten Jazz-Big-Band. Das Lesen von Partituren im C-Stimmschlüssel wurde für mich zur zweiten Muttersprache. Wir gewannen ständig Landes- und Regionalwettbewerbe, daher war es prestigeträchtig, in der Big Band zu sein. Meine Schule hatte kein Orchester, daher war Jazz die einzige Musik, die ich kannte. Das Musizieren machte nicht nur Spaß, war herausfordernd und energiegeladen, ich war auch Teil eines erfolgreichen Teams. Mich faszinierten die Kraft und Raffinesse der Musik, die rhythmische Energie und die komplexen Harmonien“, erklärt Steve („in Amerika sind wir alle „per Du“!). Seine jazzorientierte Studienlaufbahn schloss er mit dem Erwerb des Doktorgrades in Jazzpädagogik an der University of Northern Colorado ab.
„Ich habe sogar schon Dudelsäcke gehört, die Jazz spielten“
Einem ersten Impuls folgend stellt sich jedoch die Frage: Waldhorn und Jazz – wie passt dies zusammen? Ist das Waldhorn nicht eher ein Exot in der Jazzmusik? Doch hier hat Steve eine klare Antwort parat: „Jedes Instrument ist ein „Jazz“-Instrument, und jeder kann lernen, die stilistischen Besonderheiten dieses Genres zu spielen. Ich habe sogar schon Dudelsäcke gehört, die Jazz spielten. Es gibt definitiv eine Tradition, dass bestimmte Instrumente Teil von Jazzensembles sind. Wir alle verbinden Saxofone, Trompeten, Posaunen, Klavier, Bass und Schlagzeug mit dieser Musik. Das hat auch viel damit zu tun, welche Instrumente üblicherweise in den größeren Ensembles vertreten sind. Es ist schön zu wissen, dass eines der ersten Instrumente, das zu dieser Mischung hinzukam, das Horn war!“
Doch Steve mag nicht nur den Jazz, sondern „jede Musik, die gut komponiert und gespielt ist – mit Gefühl und Leidenschaft.“ So gehört auch klassische Musik dazu, insbesondere Musik der Romantik, Spätromantik und des frühen 20. Jahrhunderts – eine rhythmisch und harmonisch komplexere Musik als Jazz. Dank der Karriere seiner Frau als Konzertsolistin und Opernsängerin hat Steve in letzter Zeit mehr über Barockmusik erfahren – mit ihrer unglaublichen rhythmischen Energie und den ausgefeilten Harmonien. Weitere Favoriten sind Progressive Rock mit vielen gemischten Taktarten und Filmmusik – und, nicht zu vergessen, der Big-Band-Sound!
Disney, internationale Jazzkünstler, Nu Corno Jazz
Auf die Frage nach den bisherigen Höhepunkten seiner Musikerlaufbahn und anstehenden Projekten zählt Steve mehrere Erlebnisse auf: „Eine meiner ersten Gelegenheiten, auf höchstem Big-Band-Niveau zu spielen, war ein Sommer-Arbeits- und Studienprogramm bei Disney. Als einer von 18 ausgewählten Musikern – darunter zwei Hornisten – setzte ich mich gegen über 2.000 Bewerber aus den gesamten USA durch. Wöchentlich arbeiteten wir mit renommierten Solisten zusammen. Darüber hinaus war ich drei Jahre lang Solo-Hornist in einer Stan-Kenton-Tribute-Band mit vier Hörnern, die ein anspruchsvolles Repertoire auf hohem Niveau pflegte. Ein besonderer Höhepunkt war 1998 mein Engagement für die Jubiläumstournee von Chuck Mangiones Album ‚Land of Make Believe‘.“ Doch auch Auftritte mit Jazzkünstlern wie Quincy Jones, Chuck Mangione, Dianne Reeves, J. J. Johnson, Clark Terry, Paul Winter, Dave Brubeck und Rob McConnell sind hier zu nennen.
In Europa spielte Steve mehrfach als einziger Hornist im Ed Partyka Jazz Orchestra sowie im Jan Schreiner Large Ensemble. Zudem trat er mit der hr-Bigband auf – im Mai wird er erneut mit ihr anlässlich des 100. Geburtstags von Miles Davis konzertieren.
Vor drei Jahren gründete Steve Schaughency das Ensemble Nu Corno Jazz, dessen musikalischer Leiter er ist. Ziel ist die Aufführung neuer Originalwerke für acht Hörner sowie eine Rhythmusgruppe im Jazz- und Popstil. Bis heute wurden 23 Kompositionen führender Jazzkomponisten für diese Besetzung uraufgeführt. Das Ensemble vereint herausragende Hornisten und war bereits bei mehreren Symposien der International Horn Society zu hören, unter anderem mit Solisten wie Arkady Shilkloper, Tom Varner und Chris Castellanos. Im Juli werden sie erneut beim Symposium in Krakau vertreten sein.
In den letzten Jahren wurde Steve Schaughency vermehrt eingeladen, bei Horn-Workshops in Deutschland, der Schweiz, Schweden und den Vereinigten Staaten Vorträge zu halten und zu dozieren. Außerdem absolvierte er einige Gastdozenturen an Universitäten in den USA und Australien.
Was erwartet die Workshop-Teilnehmenden bei den Horntage Staufen?
„Ich habe vor, im Rahmen eines Vortrags mit praktischen Vorführungen einen grundlegenden Überblick über die Unterschiede bei den Anforderungen zu geben, die für das Spielen einiger der gängigsten Jazzstile erforderlich sind. Ich möchte Hornistinnen und Hornisten bewusst machen, dass das Hornspiel mehr umfasst als nur Mozart, Brahms und Mahler. Heutzutage spielen Orchester, insbesondere in Amerika, immer mehr Musik, die vom Jazz und der Unterhaltungsmusik inspiriert oder direkt beeinflusst wurde. Ich glaube, dass fundierte Kenntnisse darüber, wie man diese Musik richtig spielt, wichtig sind, um im heutigen Musikgeschäft erfolgreich zu sein. Als Musizierende haben wir die Verantwortung, allen Musikstilen denselben Respekt und Einsatz entgegenzubringen wie dem traditionellen, klassischen Repertoire, das wir für das Horn so lieben. Vielseitigkeit ist der Schlüssel zum Erfolg. Der zweite Vortrag konzentriert sich auf das Zuhören und bietet einen kurzen Überblick über die Rolle des Horns in der Jazzgeschichte. Wir können nur dann lernen, diese Stile korrekt zu spielen, wenn wir Beispiele und Vorbilder haben, von denen wir lernen können. Aber wo finden wir diese? Ich werde den Teilnehmenden auch eine Liste mit rund hundert Jazzaufnahmen mit Horn zur Verfügung stellen. Dies wird ein Ausgangspunkt sein, um die Musik selbst anzuhören – über Aufnahmen, die auf den meisten Musik-Streaming-Plattformen leicht zu finden sind. Der letzte Teil des Workshops wird das gemeinsame Spielen beinhalten. Wir werden ein paar einfache Jazzballaden für großes Hornensemble durchspielen, um den Klang der Jazzharmonien in unseren Ohren zu verankern. Außerdem planen wir, einige Standard-Jazzquartette zu coachen, wie zum Beispiel ‚Fripperies‘ oder mein eigenes ‚Jazztets 4 Horns‘. Gibt es Freiwillige?“
Annette Weigold