Viele Musikerinnen und Musiker investieren viel Zeit ins Üben und fragen sich dennoch, warum die Fortschritte ausbleiben. Die Antwort liegt oft nicht in mehr Übezeit, sondern in einem bewussteren und gezielteren Üben. In ihrer Online-Kursreihe „Besser üben. Mit Freude spielen.“ zeigt Musikerin und Pädagogin Melina Paetzold, wie effektives Üben gelingt. Im Interview spricht sie über bewusste Übestrategien, den Umgang mit Herausforderungen und darüber, wie aus konzentriertem Üben wieder echtes, erfüllendes Musizieren entsteht.

Blog: Melina, Deine Online-Kursreihe trägt den Titel „Besser üben. Mit Freude spielen.“ Was steckt hinter diesem Titel und welche Beobachtungen aus Deiner Arbeit mit Musizierenden haben Dich dazu bewogen, diese Reihe zu entwickeln?

Melina:
Meiner Erfahrung nach dominiert beim Thema Üben oft das „mehr, mehr, mehr“. Aber geht das nicht auch besser? Und wer soll diese ganze Zeit im Alltag eigentlich finden? Viele Musikerinnen und Musiker, gerade auch Amateurinnen und Amateure, möchten auf ihrem Instrument wirklich etwas bewegen, vorankommen und sich weiterentwickeln, haben aber gleichzeitig viel um die Ohren mit Arbeit, Familie und Alltag. Sie müssen sich die Übezeit oft regelrecht abknapsen. Dafür eine Lösung zu finden, wie man auch in kleinen, realistischen Einheiten spürbar Fortschritte erzielen kann und wirksamer und gezielter übt, das ist der Ausgangspunkt für die Reihe.

Blog:
Viele Musikerinnen und Musiker investieren viel Zeit ins Üben und haben trotzdem das Gefühl, nicht ausreichend voranzukommen. Woran liegt es Deiner Erfahrung nach, dass mehr Übezeit nicht automatisch zu besseren Ergebnissen führt?

Melina: Üben ist keine Fließbandarbeit. Mehr Zeit führt nicht automatisch zu besseren Ergebnissen. Es ist nicht so, dass doppelte Übezeit auch den doppelten Fortschritt bedeutet. Entscheidend ist vielmehr, wie wir üben. Wenn wir es schaffen, aufmerksam, konzentriert und mit einer klaren Absicht zu üben, können wir auch in kurzer Zeit viel erreichen.

Blog:
Was bedeutet für Dich „effektiv üben“ – und worin unterscheidet sich ein gutes Üben vom bloßen Wiederholen von Passagen?

Melina:
Effektives Üben bedeutet für mich Verschiedenes. Zum einen bewusst und präsent an technischen Herausforderungen zu arbeiten. Es kann aber auch sein, dass ich „durchspiele“ und mich darin übe, die Musik zu interpretieren und frei zu musizieren. Oder dass ich merke, dass ich einfach mal wieder mein Lieblingsstück spielen muss, um die Freude am Musizieren zu stärken.

Blog:
Viele Musizierende kennen das Problem: Die Zeit zum Üben ist begrenzt. Welche Veränderungen im Übealltag können bereits einen großen Unterschied machen?

Melina:
Bewusstes, präsentes Üben ist fordernd. Es ist kein Dauerlauf, sondern eher eine intensive Tempoeinheit. Genau deshalb braucht es davon oft weniger, als viele denken. Wer die Qualität des Übens verbessert, kann bereits mit begrenzter Zeit große Fortschritte erzielen.

Blog: Ein Übeplan klingt zunächst sehr strukturiert – kann er auch dabei helfen, die Freude am Musizieren zu erhalten?

Melina: Ja klar, zu erhalten, wiederzufinden oder eine latente Unzufriedenheit abzubauen. Denn ein Übeplan schafft Klarheit. Er zeigt, ob tatsächlich zu wenig Zeit zum Üben vorhanden ist, ob diese gut genutzt wird oder ob die Herausforderung eher darin liegt, der Musik im Alltag den Platz einzuräumen, den man ihr gerne geben würde.

Blog: Schnelle Läufe und technisch anspruchsvolle Passagen bringen viele Musizierende an ihre Grenzen. Warum entstehen gerade bei solchen Stellen häufig Unsicherheit und Verkrampfung?

Melina: Der Grundstein für Sicherheit und Schnelligkeit wird schon im langsamen Üben gelegt. Schon in diesem Tempo entscheidet sich, ob eine Stelle immer verkrampft bleibt. Aber auch dabei, wie Schnelligkeit geübt wird. Anders als viele es raten, gibt es wissenschaftliche
Gründe dafür, dass das Schnellerwerden mit dem Metronom meist ins Tempolimit führt. Und am Ende müssen wir die Kontrolle loslassen, und das ist etwas, was wir im Üben mitüben dürfen. Das fällt den meisten von uns echt schwer.

Blog: Eine Passage funktioniert oft beim isolierten Üben, aber nicht im Zusammenspiel mit dem Orchester. Wie kann man den Übergang vom Übezimmer in die musikalische Situation besser vorbereiten? Und was können Musikerinnen und Musiker tun, um das, was sie zu Hause gut geübt haben, auch in Probe und Konzert sicher abzurufen?

Melina: Das ist ein komplexes Thema, bei dem natürlich auch mentale und emotionale Aspekte eine Rolle spielen. In der Vorbereitung kann man aber schon einiges klären. Zum Beispiel: Habe ich an dieser Stelle eine wichtige musikalische Funktion, ein Solo, oder bin ich eher eine Nebenstimme? Wenn man den Kontext der eigenen Stimme kennt, geht man viel besser vorbereitet in die Probe, und viele Schwierigkeiten treten dann gar nicht erst auf.

Blog: Was möchtest Du den Teilnehmenden nach Abschluss der Kursreihe mitgeben? Was sollen sie beim nächsten Üben oder bei der nächsten Probe konkret anders machen?

Melina: Ich möchte sie dafür begeistern, Freude an der Tiefe zu entdecken. Wirklicher Fortschritt entsteht selten durch ein schnelles Darübergehen, sondern durch die Bereitschaft, sich intensiv mit einer Sache auseinanderzusetzen. Das kann manchmal unbequem sein.
Aber genau dort liegen oft die größten Entwicklungsschritte,und das unbezahlbare Gefühl, wirklich etwas bewegt zu haben.

Blog: Warum lohnt es sich, sich mit dem eigenen Üben intensiver auseinanderzusetzen – unabhängig vom musikalischen Niveau?

Melina: Wenn Fortschritte nicht sichtbar werden, wenn wir festhängen, kommt schnell die Frage auf, ob sich das Üben überhaupt lohnt. Das kann auf Dauer sehr frustrierend sein, ganz unabhängig davon, wie lange man schon spielt oder auf welchem Niveau man musiziert.

Blog: Zum Schluss: Was bedeutet für Dich persönlich „mit Freude spielen“?

Melina: Mit Freude zu spielen ist ein ganz besonderes Gefühl für mich. Ein warmes Gefühl ums Herz. Ein Kribbeln,als würde einen die Musik mitreißen. Manchmal ist da spielerische Leichtigkeit, Spontaneität, Verspieltheit. Der Alltag und aller Ernst fallen von einem ab. Es gibt nur diesen Moment, die Klänge, das Instrument und mich.