Aus dem Bach-Saal der BDB-Musikakademie dringen kraftvolle Klänge, auf den Notenständern liegen die Werke Flight of the Pegasus und In the Forest of the King und vor dem Orchester steht ein junger Dirigent, konzentriert, den Taktstock fest in der Hand. Wenige Takte später hebt Dozent Thierry Abramovici die Hand. „Stopp.“ Es folgt eine kurze Analyse, ein Hinweis zur Körpersprache, eine Korrektur der Schlagtechnik. Dann geht es weiter.
Es ist später Nachmittag an einem intensiven Lehrgangswochenende des C3-Lehrgangs „Dirigieren im Blasorchester“ an der BDB-Musikakademie. Die Teilnehmenden wechseln sich am Dirigentenpult ab, während Abramovici jede Bewegung aufmerksam verfolgt. Haltung, Ausstrahlung, Schlagfiguren – alles wird genau beobachtet und besprochen. Dabei hat der Tag bereits früh begonnen. In drei Gruppen wurde am Vormittag Schlagtechnik trainiert. Auf dem Programm standen unregelmäßige Taktarten und sogenannte Ableitungen. Dabei handelt es sich um gezielte Anpassungen und Unterteilungen der klassischen Schlagfiguren. Besonders wichtig ist die sogenannte Subdivision: Hauptschläge werden in kleinere Einheiten unterteilt, um den inneren Puls der Musik sichtbar zu machen. Gerade bei langsamen Tempi, komplexen Rhythmen oder Taktwechseln schafft dies Orientierung und Sicherheit für das Orchester.

Viele Teilnehmende und ein großes Lehrgangsorchester

Während unten im Bach-Saal das Lehrgangsorchester probt, wird zeitgleich im ersten Obergeschoss der Akademie an den Details gearbeitet. In zwei Seminarräumen warten die Lehrgangsleiter Markus Mauderer und Marc Lange gemeinsam mit den Pianistinnen Yoko Müller-Takahashi und ihrer Kollegin auf die nächsten Teilnehmenden zur Korrepetition. Der Andrang ist groß. Mit 36 Teilnehmenden verzeichnet der einjährige C3-Lehrgang im Jahr 2026 so viele angehende Dirigentinnen und Dirigenten wie noch nie. „Das ist schön, weil das Orchester einen tollen Klang hat“, sagt Mario Kaiser mit Blick auf das große Lehrgangsorchester. Der 20-Jährige stammt aus dem Musikverein Utzenfeld, wo er Tenorhorn spielt. Seine musikalische Ausbildung hat er mit dem Jungmusiker-Leistungsabzeichen in Gold abgeschlossen und zudem das Musik-Abitur absolviert. „Danach war ich fertig am Instrument, wollte aber trotzdem weitermachen“, erzählt er auf dem Weg zur Korrepetition. Die Entscheidung für den C3-Lehrgang war für ihn deshalb der nächste logische Schritt. „Ich mache das für mich selber, habe aber schon Ambitionen, irgendwann einmal einen Verein zu übernehmen.“ Dass der Weg dorthin anspruchsvoll ist, hat der BWL-Student schnell festgestellt. „Das ist schon ein sportliches Programm“, sagt Kaiser. Zwar habe ihn seine bisherige Ausbildung gut vorbereitet, dennoch seien insbesondere die Theorieeinheiten fordernd. „Das Musik-Abitur und das JMLA in Gold sind aus meiner Sicht die Mindestbasis für C3.“ Themen wie Intervalle oder Rhythmik habe er teilweise wieder neu auffrischen müssen. Insgesamt sei das Gesamtpaket intensiv und herausfordernd. Trotzdem ist seine Bilanz eindeutig: „Näher kommt man an die Materie nicht dran. Besser geht es eigentlich nur noch im Studium.“ Dann öffnet sich die Tür zum Korrepetitionsraum. Mario ist an der Reihe.

Korrepetition – Inzwischen fester Bestandteil im C3-Lehrgang

Seit der Corona-Pandemie gehört die Korrepetition fest zum Stundenplan des Lehrgangs. Aufgrund der hohen Teilnehmerzahl laufen in diesem Jahr sogar zwei parallele Kurse. „Weil wir so viele sind“, erklärt Lehrgangsleiter Marc Lange und bittet Mario ans Pult zu treten und anzufangen. Yoko Müller-Takahashi schlägt die Noten auf, legt die Hände auf die Tasten nimmt und hebt den Blick. Mario gibt den Auftakt – und bricht wenig später selbst ab. „Ich muss einfach mehr üben“, sagt er und schüttelt den Kopf. „Das ist nie verkehrt“, entgegnet Lange schmunzelnd. Gemeinsam arbeiten sie an schwierigen Passagen. Ein Taktwechsel vom Dreier- in den Vierertakt bereitet zunächst Probleme. Lange schnippt den Puls mit, gibt kurze Hinweise und lässt die Stelle wiederholen. Schließlich gelingt der Übergang sauber. „Noch einmal zur Bestätigung“, fordert er. Nach dem nächsten Durchgang folgt die erlösende Rückmeldung: „Gemeistert!“ An der nächsten Stelle wartet bereits die nächste Herausforderung. Diesmal geht es um das richtige Tempo. Mario sucht den passenden Puls, findet ihn aber nicht sofort. „Kannst du die Melodie singen?“, fragt Lange. Der Hinweis hat Methode. „Es ist leichter, das Tempo zu finden, wenn du die Melodie im Kopf hast“, erklärt der Dozent.
Wenig später ist die Einheit beendet. Für Außenstehende mag es ungewöhnlich erscheinen, dass ein angehender Blasorchesterdirigent eine Pianistin dirigiert. Für Mario Kaiser liegt der Nutzen jedoch auf der Hand. „Ich bin froh, dass ich solche kleinen Dinge hier klären kann und nicht vor dem großen Orchester“, sagt er. Gerade schwierige Taktwechsel oder Unsicherheiten bei Einsätzen lassen sich in diesem geschützten Rahmen gezielt bearbeiten.
Die kleinen Fortschritte motivieren ihn. Gelungene Übergänge, gemeisterte Problemstellen und positive Rückmeldungen der Dozenten seien wichtige Erfolgserlebnisse. Gleichzeitig bleibt die wichtigste Erkenntnis des Tages dieselbe wie schon zu Beginn der Korrepetition: „Ich muss einfach mehr üben.“ Bis zu den Prüfungen im November bleibt dafür noch Zeit. Zwei weitere Praxisphasen stehen auf dem Lehrgangsplan. Mario Kaiser weiß, dass der Erfolg nicht allein im Unterricht entsteht, sondern vor allem auch zuhause am Schreibtisch und vor dem Spiegel mit Partitur, Metronom und Taktstock.
Die Motivation dafür bringt er mit. Und wenn man ihn an diesem Nachmittag erlebt, stellt sich die Gewissheit ein, dass hier jemand nicht nur dirigieren lernen möchte – sondern bereit ist, die Verantwortung für ein Orchester zu übernehmen.

Info: Die Termine für den C3-Lehrgang “Dirigieren im Blasorchester” 2027 stehen bereits. Eine Anmeldung ist in Kürze möglich unter https://www.bdb-online.de/kurs/c3-blasorchesterleitung/.