Mit Verena Mösenbichler-Bryant hatte dieses Jahr im Musikcamp I zum ersten Mal eine Frau die musikalische Leitung inne. Und das ist genau das, was es ihrer Meinung nach braucht, damit mehr Mädchen und Frauen den Weg zum Dirigentenpult einschlagen: weibliche Vorbilder. Ansonsten aber spiele das Geschlecht keine Rolle, betonte sie im Interview mit Lea Schmidt im Sommer 2025. 2026 kehrt Verena Mösenbichler-Bryant zurück nach Staufen, und zwar nicht nur zum Musikcamp.
Lea: Du bist das erste Mal im Musikcamp. Wie gefällt es Dir?
Verena: Ja, ganz toll! Das Musikalische passt super, die Voraussetzungen hier im Haus sind wirklich auf höchstem Niveau und die Musikerinnen und Musiker sind sehr motiviert. Es macht viel Spaß, gemeinsam zu musizieren.
Lea: Wie hast Du zum Dirigieren gefunden?
Verena: Ich habe damals mit 16 Jahren zu dirigieren begonnen. Ich habe daheim – mein Papa ist auch Dirigent – Schlagbilder gefunden und hab‘ dann zum Papa gesagt: Ich möchte gerne lernen, wie das funktioniert. Ich bin ja selbst im Blasorchester groß geworden, habe zunächst Querflöte gespielt und bin dann aufs Fagott umgestiegen, weil es schon genug Querflöten im Orchester gab. Das Dirigieren hat mich aber immer schon fasziniert. Ich habe dann den Kapellmeisterkurs mit dem Papa gemacht – das war eine vierjährige Ausbildung. Ja, und das war der Anfang.
Lea: Dein Vater, Johann Mösenbichler, ist ebenfalls ein renommierter Dirigent. War es für Dich als Dirigentin hilfreich, einen prominenten Dirigenten als Vater und Vorbild zu haben – oder war es eher schwierig, aus seinem Schatten hervorzutreten und den eigenen Weg zu finden?
Verena: Papa hat mich immer sehr unterstützt, gefördert und gefordert. Natürlich hat es auch mal Momente gegeben, in denen ich gedacht habe: Boah, das war jetzt gscheit intensiv. Klar, die Vater-Tochter-Beziehung wird dabei natürlich auch ein bisschen auf die Probe gestellt – aber im Großen und Ganzen haben wir das echt gut zusammen gemeistert. Für mich war er immer ein Ansporn und immer schon mein Vorbild, weil ich mit ihm und in seinem Orchester groß geworden bin. Nicht jeder Moment war leicht, aber es waren schon sehr, sehr viele schöne und motivierende Momente dabei. Er war auch derjenige, der dann gesagt hat: Warum machst Du nicht Amerika? Er hat viele Beziehungen nach Amerika und durch sie hatte ich die Möglichkeit, den Schritt nach Amerika zu wagen.
Lea: Was hat Dir Dein Vater für Dich und Deine Karriere als Dirigentin mitgegeben?
Verena: Im Grunde das ganze Fundament, viel Kraft und natürlich immer auch viel Unterstützung – vor allem auch in Momenten in meiner Karriere, die herausfordernd waren und sind. Es ist natürlich toll, jemanden in der Familie zu haben, der sich mit der Materie gut auskennt, der die Connections hat und den man jederzeit fragen kann. Aber nicht nur mein Papa, sondern auch meine Mama und meine Schwester – sie sind mein Rückhalt und mein Rückgrat zugleich.
Lea: Zwei Drittel der Teilnehmenden des Musikcamps sind weiblich. Was meinst Du, warum sieht man im Vergleich zu den vielen Mädchen und jungen Frauen in den Orchestern und in der Jugendarbeit – auch in unserer C3-Dirigentenausbildung liegt der Frauenanteil inzwischen meist bei 50 % – warum sieht man dennoch später so wenige Frauen am Dirigentenpult?
Verena: Das ist eine gute Frage. Es ist schön, dass der Anteil von Frauen größer und die Balance besser wird. Natürlich wünsche ich mir auch, dass sich mehr Frauen trauen, die Dirigentenrolle zu übernehmen. Aber ich glaube, das entwickelt sich sehr gut, je mehr Frauenvorbilder auch auf dem Podest stehen. Zwar ist vor allem der professionelle Bereich immer noch von der Männerwelt dominiert, aber es kommen immer mehr Frauen dazu – und je mehr man die sieht, desto mehr können sich Frauen auch in die Rolle hineinversetzen und sich das auch zutrauen. Ich kann jeder Frau nur empfehlen, wenn sie Interesse hat – es einfach mal auszuprobieren.
Lea: Hast Du in Deinem Werdegang selbst aufgrund Deines Geschlechts Nachteile erfahren?
Verena: Es hat schon mitunter Kommentare gegeben. In Japan wurde mir zum Beispiel mal gesagt, dass ich mir die Haare kurz schneiden soll, damit das von hinten nicht so wackelt beim Dirigieren. Damals hatte ich die Haare zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Aber das sind Kommentare, auf die braucht man eigentlich nicht reagieren. Ich bin die Person, die ich bin. Und es geht nicht darum, ob ich weiblich oder männlich bin, es geht drum, dass wir gut zusammen musizieren. Und dieses Ziel sollten wir alle immer vor Augen haben. Und wer dann vorne steht, ja, solange wir das Ziel gemeinsam erreichen – ist das egal.
Lea: Ich selbst dirigiere das Vororchester in meinem Heimatdorf – manchmal frage ich mich, wie weit man als Frau kommen kann. Welche Tipps würdest du jungen oder angehenden Dirigentinnen mitgeben?
Verena: Ja! Ein Orchester zu haben, das ist ganz wichtig. Ich würde jeder Dirigentin empfehlen, gleich einmal mit einem Vororchester oder Jugendorchester zu starten. Das Schwierige am Dirigieren ist, dass man andere Musikerinnen und Musiker dazu braucht, um das Instrument zu entwickeln. Die Technik kann man gut allein machen. Aber die Pädagogik, das Miteinander-Musizieren, das Hören und dann das Feedback geben – das sind Elemente, bei denen man das Orchester zum Üben braucht. Deshalb ist es wichtig, so oft wie möglich zu dirigieren, um Routine zu bekommen. Ich würde dir empfehlen, an Dirigierworkshops teilzunehmen – aktiv oder auch mal passiv. Bei solchen Workshops sieht man oft 15 bis 20 andere Dirigierende und kann sich dabei echt viel abschauen und mitnehmen. Genauso wichtig ist es, eine Mentorin oder einen Mentor zu finden, die ehrlich sind, konstruktiv Kritik geben und einen wirklich fordern und fördern.
Lea: Was müsste sich Deiner Meinung nach ändern, damit mehr Frauen den Weg ans Dirigentenpult finden?
Verena: Wir müssen unser System hinterfragen: An welcher Stelle in der Musikerziehung verpassen wir vielleicht den Moment, Frauen zu zeigen, dass Dirigieren genauso eine Option sein kann wie das Spielen eines Instruments? Mehr weibliche Vorbilder am Pult zu sehen, kann hoffentlich auch dazu beitragen, dass sich mehr Frauen auf den Weg ans Dirigierpult machen. Ich finde, jede Musikerin und jeder Musiker – wir haben ja auch im Musikcamp gemeinsam ‚ein bissl‘ Dirigieren im Orchester gemacht – sollte ein Grundsatzwissen haben, wie Dirigieren funktioniert. Als Musikerin und Musiker tut man sich im Orchester dann leichter, miteinander zu musizieren.
Lea: Bei der Mid Europe, die Du mit Deinem Vater Johann Mösenbichler hauptverantwortlich leitest, dirigierst Du das World Youth Orchestra, und auch in Deiner Position an der Duke University hast Du mit jungen Musizierenden zu tun. Was bedeutet es Dir, mit jungen Musizierenden zu arbeiten?
Verena: Oh, das gibt so viel Kraft und Energie! Also ich fühle mich dann einfach noch jung geblieben. Ich finde es spannend, jetzt diese Generation zur Musik zu bringen, die ja mit einem ganz anderen Stil aufgewachsen ist, wie ich damals und die Generation davor. Und für mich ist es immer spannend zu erfahren, was hören die jungen Leute gerne, und wie kann man das in ein Programm einfließen lassen, das man gestaltet? Die Energie, die dann im Proberaum herrscht, die ist für mich so mitreißend – das möchte ich nicht missen.
Building a bridge … the future of the Mid Europe-Festival
Viele Jahre waren die beiden Orchester-Projekte WA-WOP und WYWOP Teil der Mid Europe – des international renommierten Blasmusikfestivals in Schladming und Haus im Ennstal. Seit der Gründung lockte die Mid Europe jährlich zwischen 1.500 und 2.000 Musikerinnen und Musiker aus aller Welt in die steirische Tourismusregion und verwandelte Schladming und Haus im Ennstal lange in eine internationale Klangwolke – mit Konzerten, Marschshows und Open-Air-Events. Doch nach 26 Jahren ist in Schladming der Vorhang gefallen und die Mid Europe nun auf der Suche nach einer neuen Heimat. Bis diese gefunden ist, kann es zumindest für die beiden Orchesterprojekte WAWOP und WYWOP weitergehen.


Beide finden im Juli 2026 in der BDB-Musikakademie Staufen wie gewohnt unter der künstlerischen Leitung von Verena Mösenbichler-Bryant und Johann Mösenbichler statt, und versprechen unter der Leitung international renommierter Dirigenten wie Kevin Sedatole, Dana Sedatole, Miguel Etchegoncelay und Phillip Riggs eine intensive Woche gemeinsamen Musizierens mit Musizierenden aus aller Welt.


WAWOP und WYWOP
Das Welt-Erwachsenen-Blasorchester-Projekt (WAWOP) vereint erfahrene Blasorchester-Musikerinnen und -Musiker aus aller Welt, die eine inspirierende, anspruchsvolle und gemeinschaftliche Musikwoche erleben möchten. Das Projekt richtet sich an Musikerinnen und Musiker ab 32 Jahren – ohne obere Altersgrenze. Ob Dirigentin oder Dirigent, Musiklehrkraft, Mitglied einer Musikkapelle oder leidenschaftliche Musikliebhabende – alle, die mit renommierten Dirigierenden und Komponierenden auf höchstem Niveau musizieren möchten, sind herzlich eingeladen, sich zu bewerben. Das Welt-Jugend-Blasorchester-Projekt (WYWOP) ist seit 1997 ein fester Bestandteil des Internationalen Blasmusikfestivals Mid EUROPE. WYWOP bietet 18 bis 32-jährigen Musizierenden aus aller Welt eine intensive Woche gemeinsamen Musizierens, persönliches Wachstum und internationale Freundschaften.
Was Dich erwartet
- Eine Woche intensiver Probenarbeit mit internationalen Dirigierenden, Komponierenden und Dozierenden.
- Konzerte während der Woche und ein Hauptauftritt am Sonntag, dem 12. Juli 2026.
- Arbeit an anspruchsvoller Blasmusikliteratur und Gelegenheit zu Ensemblekollaborationen.
- Ein internationales Umfeld – Austausch, Netzwerken und neue Freundschaften.
WYWOP fühlt sich an wie eine große Familie mit jährlichem Wiedersehen. Im Jahr 2026 findet das WYWOP unter dem Motto „Building a Bridge“ statt.