Die gebürtige Australierin Jodie Blackshaw (1971) ist Preisträgerin mehrerer Auszeichnungen – ihre Stücke werden und wurden international aufgeführt. Mit dem Ziel, mehr Komponistinnen in den Konzertprogrammen zu etablieren, gründete die weltweit tätige Komponistin und Dirigentin die Datenbank für Komponistinnen im Blasorchester. Doch nicht nur das: 2018 startete sie colourfullmusic.com – eine Plattform für Blasorchesterprogramme. Beim Festival der Orchesterleitung vom 11. bis 14. September in der BDB-Musikakademie Staufen wird sie als Dozentin einen Workshop leiten. Vorab durften wir ihr einige Fragen stellen.
blasmusik: In Ihrem Lebenslauf lese ich, dass Sie schon sehr früh mit Musik in Berührung gekommen sind und später Komposition (und Dirigat) studiert haben. Spielen Sie auch ein Instrument?
Blackshaw: Mein Vater und meine Großmutter waren beide Musikbegeisterte. Meine Großmutter war Grundschullehrerin und leitete Schulchöre. Sie war auch eine der ersten australischen Lehrkräfte, die die Orff-Schulwerk-Pädagogik anwandten. Mein Vater liebte die deutschen und österreichischen Meister, vor allem Schubert; er hatte eine eigene Radiosendung mit dem Titel „Sounds of the Classics“. Ich wuchs in einem abgelegenen Teil Australiens auf, im Bundesstaat New South Wales, etwa 7 Autostunden von Sydney entfernt. Es gab nicht viele Möglichkeiten, zu musizieren und Musik zu studieren, und so war mein erstes Instrument eine zweistufige elektronische Orgel (mit Pedalen). Dabei lernte ich eine Menge über Improvisation, harmonische Erweiterungen und Intonation. Ich spielte Tenorhorn und Kornett in einer lokalen Band, entschied mich aber schließlich für die Klarinette. Nachdem ich viele Jahre lang nirgendwo spielen konnte, sind wir kürzlich in die Stadt Orange gezogen, die eine lebendige Musikszene mit einem passablen Orchester hat. Ich habe wieder mit der Klarinette angefangen und liebe es!
blasmusik: Inwieweit hat Sie die Tatsache beeinflusst, dass Sie während Ihres Doktoratsstudiums bei Dr. Christopher Sainsbury mit indigenen Kompositionen in Berührung gekommen sind?
Blackshaw: Meine Großmutter war ebenfalls eine starke Verfechterin der Bildung der australischen Ureinwohner, da sie selbst Unterrichtserfahrung an einer indigenen Schule gesammelt hatte. Ich bin unter ihrem Einfluss aufgewachsen und fühle mich, wie alle aus-tralischen Ureinwohner, auf tief spirituelle Weise mit der Energie „meines Landes” verbunden sowie dann auch mit Dr. Sainsbury, da wir beide engagierte Komponisten waren. Keiner von uns hatte Bedenken, für Kinder, Jugendliche oder Musiker aus der Gemeinde zu schreiben – im Gegenteil, wir bevorzugten es sogar. Die wichtigste Lektion, die ich gelernt habe, war, meiner Stimme zu vertrauen und dass es nicht nur in Ordnung ist, Raum und Stille in einer Komposition zu lassen, sondern sogar notwendig.
blasmusik: In Ihrem Lebenslauf steht auch: „Blackshaw widmet sich mit Leidenschaft der Erforschung und Weiterentwicklung des Klangs von Blasmusik und ist davon überzeugt, dass die Programmierung und Aufführung von Komponisten mit einer anderen „Klangwelt” von entscheidender Bedeutung ist. Zu diesem Zweck gründete sie 2017 die Datenbank ‚Female Band Composer‘, die heute von mehreren führenden Bildungseinrichtungen, Lehrplanprogrammen und Blasmusikkonferenzen, darunter The Midwest Clinic, als Hilfsmittel für die Repertoireauswahl zitiert wird.“ Können Sie das in wenigen Worten erklären?
Blackshaw: Das Konzept der „Klangwelt“ eines Komponisten habe ich zum ersten Mal von Stéphane Delley, dem Präsidenten der WASBE – Schweiz, gehört. Er verwendete es, um mein Werk „Peace Dancer“ zu beschreiben, und sagte:

Die australische Komponistin und Dirigentin <br>Jodie Blackshaw.
„Die erste Lesung war etwas schwierig – es war nicht leicht, sich mit Ihrer Klangwelt vertraut zu machen. Aber jetzt ist es schön.“ Meine „Klangwelt“ stammt aus meiner Kindheit, die ich in weitläufigen Landschaften verbracht habe, ohne in einer traditionellen Blaskapelle zu spielen. Mein Ansatz ist mein ganz eigener, und daher klingt er für andere auch anders. Ich habe festgestellt, dass auch viele andere Werke von Frauen verschiedene „Klangwelten“ erforschen. Ihre Musik wird nicht so oft gespielt, was sehr schade ist, denn sie ist genauso gut – nur anders!
blasmusik: Ihr Ansatz, „Leistung durch Komposition zu vermitteln“, steht im Mittelpunkt Ihrer Arbeit. Können Sie dies in wenigen Sätzen beschreiben?
Blackshaw: Die Studierenden lieben es, eine persönliche Verbindung zu der Musik zu haben, die sie spielen – denn genau dort entsteht die wahre Magie! Im Rahmen meiner Doktorarbeit habe ich eine Reihe von Materialien erstellt, die einem Orchester dekonstruierte Elemente wie Melodie, Begleitung, Ostinato-Muster und Rhythmen zur Verfügung stellen. Das Orchester komponiert dann mit Form, Textur, Ausdruckstechniken und Klangfarben, um seine eigene Komposition zu schaffen. Dieser Prozess vermittelt den Studierenden wiederum Kenntnisse über kompositorische Elemente in anderen Werken, die sie spielen. Sie beginnen, wie Komponisten UND Interpreten zu denken. Das ist eine sehr wirkungsvolle und lohnende Art zu unterrichten.
blasmusik: Weiblichkeit in der Musik. Auf Ihrer Website schreiben Sie: „Durch häufigere Aufführungen können wir Vorurteile gegenüber Komponistinnen abbauen und die regelmäßige Programmierung ihrer Musik zur neuen Normalität machen.“ Gibt es diese Vorurteile? Und in welcher Form? Können Sie einige Beispiele nennen, in denen Frauen allein aufgrund ihres Geschlechts benachteiligt werden? Wie können wir Ihrer Meinung nach dazu beitragen, diese Vorurteile abzubauen?
Blackshaw: Ich muss zugeben, dass mich diese Frage überrascht. In den letzten Jahren wurden mehrere Studien durchgeführt, die die starke Dominanz männlicher Komponisten im Orchesterrepertoire belegen. Das Gleiche wurde (v. a. in Amerika) in Bezug auf die Dominanz männlicher Komponisten bei bedeutenden Blasmusikveranstaltungen untersucht. Einfach ausgedrückt: Es gibt viele herausragende Werke von Komponistinnen, die in Konzertprogrammen nicht den gleichen Platz einnehmen. Warum? Weil Musiker, Musiklehrer und Dirigenten keine Veranstaltungen besuchen, auf denen Werke von Frauen aufgeführt und gefeiert werden. Warum? Ein Komponist wird immer noch (meistens) als Mann angesehen, daher wird der Stimme einer Frau in diesem Bereich noch kein Vertrauen geschenkt. Es braucht Zeit und gemeinsame Anstrengungen, um dieses Vertrauen aufzubauen.
Als konkretes Beispiel möchte ich mich darauf beschränken, meine eigenen Erfahrungen zu schildern. Ein sehr bekannter Komponist in den USA fragte mich einmal, wie ich überlebe. Ich war mir nicht sicher, was er damit meinte, aber dann erklärte er: „Ich kenne viele Dirigenten, die Deine Musik nicht einmal in Betracht ziehen, weil Du eine Frau bist.“ Das war ein Aha-Erlebnis für mich und der Auslöser für die Erstellung der Datenbank „Female Band Composer“. Diese Ressource hilft vielbeschäftigten Musiklehrenden, gut geschriebene Werke für Orchester der Stufen 1 bis 4 zu finden. Wenn mehr Menschen bewusst Werke von Frauen aufführen, werden andere sie hören, und wenn ihnen gefällt, was sie hören, werden sie sie in ihr Programm aufnehmen. Wenn immer mehr Menschen dies tun, etabliert sich eine neue Normalität, das Repertoire wächst und neue Klangwelten werden in unsere Programme und unser Publikum eingeführt. Es ist eine Win-Win-Situation. Mein Traum ist es, dass wir eines Tages keine spezielle Datenbank für „Komponistinnen für Blasorchester“ mehr brauchen.
blasmusik: Ein paar Worte zu „Colour Full Music“. Ich persönlich habe ein Orchester immer als einen Ort gesehen, an dem Herkunft und Beruf eine untergeordnete Rolle spielen und an dem Zusammengehörigkeit und Musik im Vordergrund stehen, mehr als in vielen anderen Bereichen unseres Alltags; aber vielleicht irre ich mich. Wo sehen Sie die Notwendigkeit, Vielfalt im orchestralen Alltag noch stärker zu fördern?
Blackshaw: In der oben zitierten Aussage finden sich folgende Worte: „an dem Zusammengehörigkeit und Musik im Vordergrund stehen“. Was genau bedeutet Zusammengehörigkeit? Wenn Zusammengehörigkeit hier als ein verbindendes Prinzip verstanden wird, das aus einem gemeinsamen Ziel und gegenseitigem Respekt entsteht, führt dann die Anpassung an kulturelle Normen zu gegenseitigem Respekt? Entsteht durch die Aufführung eines Repertoires, das einen nicht persönlich anspricht, ein echtes gemeinsames Ziel? Kann es eine einheitliche Zusammengehörigkeit in der Musik geben, die nur ein einziges Klanguniversum repräsentiert? Bitte verstehen Sie das nicht als Kritik an der Aussage, ich stelle lediglich eine Frage zum Thema Zusammengehörigkeit. In einer Welt, die heute durch ein Gerät von der Größe einer Hand verbunden ist, ist es umso wichtiger, unsere Unterschiede kennenzulernen und zu feiern. Es ist an der Zeit, sichere und angenehme Gelegenheiten zu schaffen, in denen individuelle Stimmen zu Wort kommen und gehört werden können. Das ist Vielfalt. Ich persönlich glaube, dass dies die größte Stärke der Musik (und der Kunst im Allgemeinen) ist. Die Förderung der Vielfalt im Orchesterleben ist nicht nur für die Entwicklung unseres Repertoires von entscheidender Bedeutung, sondern auch grundlegend notwendig, um Mitgefühl, Verständnis und Frieden zu fördern.
blasmusik: Nun zu Ihrem Workshop beim „Festival der Orchesterleitung“ im September, „Exploring the Australian wind band sound-world of Jodie Blackshaw“: Können Sie uns etwas über den Inhalt Ihres Workshops erzählen? Worauf können sich die Teilnehmenden freuen?
Blackshaw: Die Teilnehmenden können sich auf ganz neue Erfahrungen im Musizieren freuen! Sie werden verschiedene Wege kennenlernen, die Komponisten einschlagen, und erfahren, wie sich diese auf die Musik auswirken, die wir spielen. Wir werden auch untersuchen, wie diese Wege uns als Musizierende beeinflussen, auch bei der Auswahl unseres Repertoires. Auf dieser Grundlage werden wir einige Stücke aus meiner Reihe „Teaching Performance Through Composition” erarbeiten. Die Teilnehmenden lernen, wie sie Komposition auf einfache, sinnvolle und wirkungsvolle Weise in ihre Programme integrieren können. Außerdem lernen sie meine Herangehensweise an das Komponieren, die Musik in Australien und künstlerisches Bürgertum kennen. Dies ist mein erster Besuch in Deutschland, und ich fühle mich sehr geehrt. Ich habe Björn Bus bei der WASBE-Konferenz in Südkorea (2024) mit dem Landesblasorchester Baden-Württemberg dirigieren hören, und ihre Darbietung hat mich sehr beeindruckt. Ich schätze mich sehr glücklich, diese Gelegenheit zu haben, und danke allen Beteiligten für ihre Großzügigkeit.
blasmusik: Zum Abschluss noch eine Frage, die damit zusammenhängt: Sehen Sie Unterschiede zwischen der Orchesterarbeit europäischer und derjenigen australischer und amerikanischer Dirigierender? Fallen Ihnen dazu Anekdoten ein?
Blackshaw: Da dies meine erste echte Erfahrung mit europäischen Dirigenten im Bereich Blasmusik sein wird, kann ich diese Frage (noch) nicht beantworten. Fragen Sie mich vielleicht nach meiner Europareise im September noch einmal :-).
Anette Weigold