Wenn Kinder singen, klatschen, sich bewegen und gemeinsam Musik erleben, entsteht weit mehr als nur ein schöner Klang: Musik fördert Sprache, stärkt Gemeinschaft und weckt Kreativität. Die Musikpädagogin, Sängerin und Chorleiterin Sonja Oellermann zeigt seit vielen Jahren, wie Kinder spielerisch und mit Freude an Musik herangeführt werden können. Im Gespräch mit Martina Faller berichtet sie, warum Singen der natürlichste Zugang zur Musik ist, wie Bewegung und Rhythmus Kinder zum Mitmachen motivieren – und was Erwachsene tun können, damit musikalische Begeisterung früh und nachhaltig wächst. 

blasmusik: Frau Oellermann, Sie arbeiten seit vielen Jahren intensiv mit Kindern im musikalischen Bereich. Erinnern Sie sich noch an einen Moment, in dem Sie selbst als Kind für Musik begeistert wurden?

Oellermann: Ja, ich saß unten neben den Klavierpedalen, wenn meine Mutter entweder sang oder Klavierunterricht gab. In meiner Familie wurde immer musiziert und ich weiß, dass unser Alltag in Südafrika sehr von Musik geprägt und begleitet wurde. Ob in der Schule oder unterwegs im Auto oder bei dem gemeinsamen abendlichen Spülen in der Küche. Musik war immer präsent.

blasmusik: Sie sind Sängerin, Pädagogin, Chorleiterin und Autorin eines Kinderliederbuchs. Warum ist gerade die Stimme ein so wichtiger Zugang zur Musik für
Kinder?

Oellermann: Die Stimme ist das erste, was ein Baby schon im Mutterleib hört. Durch die Stimme kann ein Kind sehr leicht beruhigt werden bzw. lernt am schnellsten Neues. Singen, Sprechen und Bewegung sind eins. Aus dem Sprechen und dem Singen kommt die Bewegung und aus den Bewegungen kommt das Singen und Sprechen. Es ist ein Kreislauf, der immer wieder aufs Neue beginnt.

blasmusik: Viele Kinder wachsen heute mit einer großen Vielfalt an medialer Musik auf. Was braucht es aus Ihrer Sicht, damit Kinder selbst aktiv musizieren und
nicht nur Musik konsumieren?

Oellermann: Vorbilder! Wenn sie Erwachsene auch nur an ihren Handys sehen, werden sie es genauso machen. Wenn man sich aber die Zeit nimmt und mit Kindern singt oder ihnen zeigt, welche Klänge es um uns herum gibt, werden sie neugierig und sie kommen schnell auch selbst ins Tun. Ich versuche, Kinder erst dafür zu sensibilisieren, was sie in unserer Umwelt hören. So lernen sie differenziert zu lauschen und dies kann wiederum eine neue Tür zu Instrumenten öffnen. Wer hört, wie der Wind klingt oder was Wasser alles kann, der kann sich plötzlich ganz anders entfalten in der Musik. Das Wichtigste aber ist, Kinder lernen immer
noch am besten von uns – ihren Vorbildern!

blasmusik: Was sind aus Ihrer Erfahrung die wirksamsten Wege, um Kinder für das gemeinsame Singen und Musizieren zu begeistern – gerade auch solche, die zunächst zurückhaltend oder unsicher sind?

Oellermann: Einfach singen und sich dazu bewegen. Irgendwann kann und muss sich jedes Kind mitbewegen und dann kommt das Singen dazu. Die Freude darf
man nicht außer Acht lassen, wenn ich mit einem Lachen auf dem Gesicht singe und musiziere, dann machen die Kinder es auch. Manche brauchen vielleicht etwas länger, aber irgendwann habe ich sie dann auch und sie machen mit. Das gemeinsame Tun ist das Beste für jeden. Wir fangen an, uns im Gleichklang zu bewegen.

blasmusik: In Ihrer Fortbildung in der BDB-Musikakademie geht es darum, Singen, Bewegung und Rhythmus zu verbinden. Warum funktioniert diese Kombination gerade bei Kindern so gut? Und welche Chancen sehen Sie in dieser ganzheitlichen musikalischen Bildung?

Oellermann: Man nennt das auch multisensorisches Lernen. Kinder lernen ganzheitlich und es fördert sie auf verschiedenen Gebieten. Gerade wenn Musik und Singen Teil des Schulalltags sind, wird die Konzentration gefördert und das Lernen einfacher.

blasmusik: Welche Rolle spielen Freude und Spiel beim Musizieren mit Kindern – und wie kann man diese spielerische Atmosphäre im Unterricht oder in Projekten schaffen?

Oellermann: Wenn etwas mit Freude und spielerisch gemacht wird, lernt man, ohne es wirklich zu wissen. Kinder lernen gerne in einer gelockerten Umgebung,
wo sie sich wohl fühlen. Ich versuche immer spannende Dinge dabei zu haben, die das Ganze auflockern, etwa mit irgendwelchen Materialien, und da sind wir wieder beim multisensorischen Lernen.

blasmusik: Sie betonen die Bedeutung von Musik für soziale Kompetenzen. Was lernen Kinder im gemeinsamen Singen über Gemeinschaft, Respekt und Miteinander?

Oellermann: Wenn wir gemeinsam etwas tun, kommen wir in Einklang miteinander. Die Wissenschaft hat gezeigt, dass Menschen, die gemeinsam musizieren
bzw. singen, den gleichen Herzschlag bekommen. Wir kommen in die sogenannte Synchronizität. Kinder lernen, dass es sich nur gut anhört, wenn alle sich beteiligen und ihren Teil beitragen. Sie lernen, einander mit Respekt und Achtung zu begegnen. Das ist eines meiner großen Anliegen mit meiner Initiative, „Jekasi! – jeder kann singen“. Jeder ist gut, jeder ist besonders, jeder kann singen, und gemeinsam macht es einfach viel mehr Spaß und hört sich auch noch gut an.

blasmusik: Ein wichtiger Aspekt Ihres Kurses ist die Einbindung verschiedener Sprachen und kultureller Hintergründe. Kann gemeinsames Singen dazu beitragen, kulturelle Unterschiede zu überbrücken? Haben Sie ein Beispiel aus Ihrer Arbeit, das Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben ist?

Oellermann: Klar, Musik überbrückt jegliche Hindernisse, ob sprachlich oder kulturell. Wenn ich mit Jekasi! unterwegs bin, begrüße ich die Kinder auf Zulu. Das ist die Sprache, die ich in Südafrika gelernt habe. Alle schauen erst mal verdutzt, merken dann aber schnell, dass ich sie grüße. Danach frage ich, wer andere Sprachen sprechen kann. Wenn die Kinder diese mir dann sagen, grüße ich in dieser genannten Sprache. Sie merken, dass ich ihre Sprache respektiere. Aber am Ende sage ich dann, dass es eine sehr wichtige Sprache gibt, Deutsch. Wir leben in Deutschland und es ist die Sprache, die alle lernen müssen. Es ist gut, auch die eigene zu sprechen, und jeder, der eine zweite oder dritte Sprache spricht, lernt schneller eine weitere Sprache. Viele sind dann überrascht, wenn ich sage, dass ich 6 Sprachen spreche und dass ich ähnliche Situationen wie sie vielleicht in der Schule in Südafrika erlebt habe. Danach sind sie aber bereit, auch mehr für Deutsch zu machen.

blasmusik: Sie engagieren sich in vielen musikalischen Initiativen und Verbänden. Was treibt Sie persönlich an, sich so intensiv für das kindgerechte Singen einzusetzen?

Oellermann: Ich möchte, dass die Gesellschaft wieder singt. Der alte Spruch, „wo Menschen singen, lass dich ruhig nieder, böse Menschen haben keine Lieder“, ist für mich ein Antrieb, meinen Teil dazu beizutragen, dass unsere Gesellschaft wieder ein Stückchen besser wird. Mir ist es ein Anliegen, dass es wieder mehr um ein WIR“ geht und nicht immer nur um das „ICH“!

blasmusik: Wenn Sie einen Wunsch für die musikalische Bildung von Kindern in Deutschland frei hätten – welcher wäre das?

Oellermann: Dass das Singen wieder einen höheren Stellenwert in der Schule bekommt. Vor allem, dass wir wieder ausgebildete Musiker in den Schulen haben.