Frank Ticheli ist einer der meistgespielten amerikanischen Komponisten seiner Generation. Seine Musik wird von großen Orchestern ebenso aufgeführt wie von Schulbands, deren Repertoire er nachhaltig geprägt hat. Seine Werke gelten als „optimistisch und nachdenklich“, „schlicht und kraftvoll“ – Zuschreibungen, die klingen, als ließe sich diese Musik mühelos greifen. Doch wer sich intensiver mit Ticheli und seinem Werk beschäftigt, merkt schnell: Hinter dieser Klarheit steht eine große handwerkliche Meisterschaft und eine hohe Komplexität.
Es beginnt früh, in der Nähe von New Orleans. Ein Junge, neun Jahre alt, sitzt in Jazzclubs, hört zu, nimmt auf, ohne zu wissen, dass er bereits sammelt: Klänge, Farben, Möglichkeiten. Der Vater nimmt ihn eines Tages mit in ein Pfandhaus im French Quarter. Im Schaufenster: eine schöne Klarinette – und eine ramponierte Trompete. Der Preis entscheidet und Frank Ticheli lernt Trompete.
Es ist eine dieser scheinbar beiläufigen Weichenstellungen, wie sie Biografien im Rückblick gern erzählen. Doch bei Ticheli sind es weniger einzelne Wendepunkte als vielmehr Verdichtungen. Ein Umzug mit 13 Jahren nach Texas etwa, hinein in die Welt einer Highschool, in der Gleichaltrige plötzlich auf einem Niveau spielen, das ihn erschüttert. „Ich hatte keine Ahnung, dass Kinder so gut klingen konnten“, sagte er in einem Interview auf banddirector.com. Dieser Schock wird für ihn zum Antrieb. „Ich wollte ein Teil davon sein. Die Musikprogramme dort haben wirklich das Feuer in mir entfacht.“ Er beginnt, Musik nicht nur zu spielen, sondern zu durchdringen. Hört Aufnahmen von Stan Kenton, von Maynard Ferguson, schreibt sie ab, Ton für Ton, um ihr Geheimnis zu entschlüsseln und herauszufinden, wie diese Musik funktioniert. Ein Lehrer erkennt darin mehr als Fleiß: „Du hast das Gehör eines Komponisten“, sagt er. Es ist ein Satz, der ihn motiviert, noch härter an sich zu arbeiten.
Harte Arbeit, Zweifel und die Suche nach der eigenen Stimme
Und doch verläuft der Weg nicht geradlinig. Als Ticheli sich an der Southern Methodist University für Komposition bewirbt, wird er zunächst abgewiesen. Er habe zu wenig vorzuweisen, heißt es. Er arbeitet weiter, hartnäckig, fast trotzig, bis er aufgenommen wird. Sein erstes Stück ist ein „Trio for Brass“, das er im Rückblick kritisch bewertet: solide, aber ohne innere Spannung und Dringlichkeit. „Es hat lange gedauert, bis ich gelernt habe, Musik zu schreiben, die ein Eigenleben verdient.“ Später, an der University of Michigan, begegnet er Lehrern wie William Bolcom, die ihm nichts durchgehen lassen. Noch wichtiger wird ein Gespräch mit einem Kommilitonen. Ticheli, Mitte zwanzig, zweifelt, vergleicht sich, will aufgeben. „Wir komponieren nicht, um die Besten zu sein“, antwortet der Freund. „Sondern weil jeder etwas Einzigartiges in die Welt der Musik einbringt. Hör auf, deine Energie damit zu verschwenden, der Beste sein zu wollen; nutze sie stattdessen dafür, herauszufinden, wer du wirklich bist!“ Frank Ticheli hat sich das zu Herzen genommen, zum Glück weiterkomponiert, seine eigene musikalische Sprache entwickelt und eine eigene Stimme gefunden. Sie zu beschreiben und zu charakterisieren ist schwierig und fällt selbst ihm schwer. Tichelis Musik entzieht sich einfachen Kategorien. Sie ist geprägt von einem amerikanischen Vielklang: Jazz, Folk, Pop, europäische Moderne – alles ist darin enthalten, ohne je zur bloßen Collage zu werden. Er selbst spricht ungern darüber. „Ich mache es lieber einfach“, sagt er. Und doch ist da eine Haltung, die sich durchzieht: die Suche nach dem Menschlichen hinter der Struktur. Nach Verletzlichkeit, nach dem, was zwischen den Noten liegt. Werke wie „American Elegy“, geschrieben im Gedenken an die Opfer von Columbine, oder „There Will Be Rest“, ein Chorstück von stiller Intensität, zeigen diese Seite besonders deutlich.
Der Prozess des Komponierens – noch immer ein Geheimnis
Ticheli hat über drei Jahrzehnte an der University of Southern California gelehrt, Generationen von Komponistinnen und Komponisten geprägt. Seine Werke werden weltweit gespielt, von großen Orchestern ebenso wie von jungen Ensembles. Vielleicht ist das kein Zufall. Seine Musik fordert, ohne abzuschrecken. Sie ist komplex, aber nicht verschlossen. Und dennoch: Fürihn selbst beginnt jedes neue Stück wieder bei Null. „Manchmal kommt die Musik in Schüben“, sagt er, „und manchmal gar nicht.“ Ein Akkord, ein Motiv, ein vages Gefühl – mehr braucht es nicht, um einen Prozess in Gang zu setzen, der sich nicht planen lässt. Und nach all den vielen Jahren des Komponierens, nach deutlich über 100 veröffentlichten Werken und einem ständig wachsenden Oeuvre ist der Prozess des Komponierens immer noch geheimnisvoll, fühlt er sich bei jedem neuen Stück wieder „ein bisschen wie ein Anfänger“. Genau das macht einen Teil seines Reizes aus. Verstand und Herz müssen sich ständig gegenseitig in Schach halten. „Ich weiß nicht, wie ich komponiere. Wahrscheinlich werde ich sterben, ohne es jemals ganz zu verstehen, und das ist für mich in Ordnung.“ Es ist ein erstaunlicher Satz für jemanden mit einer solchen Laufbahn. Vielleicht aber auch ein ehrlicher.
Denn am Ende geht es Ticheli nicht um Kontrolle, sondern um Offenheit. Um die Bereitschaft, sich überraschen zu lassen – von der eigenen Musik, von den Interpretinnen und Interpreten, vom Moment. „Ich liebe diejenigen, die keine Angst haben, das Herz und die Seele der Musik zu zeigen“, sagt er. Und vielleicht ist das die Konstante in Tichelis Leben: ein Vertrauen in das, was sich nicht ganz greifen lässt. Ein Vertrauen, das einmal in einem Jazzclub in New Orleans begann und aus dem er bis heute schöpfen kann.
Martina Faller