Virtuose Flötistin, international gefragte Kammermusikerin und leidenschaftliche Pädagogin: Anne-Cathérine Heinzmann gehört zu den prägenden Persönlichkeiten der europäischen Flötenszene. Die Professorin für Flöte an der Folkwang Universität der Künste unterstützt 2026 das Querwind-Festival für Flöte bereits zum zweiten Mal als Meisterkurs-Dozentin. Ein Porträt über eine Musikerin, für die künstlerische Individualität, Neugier und die Freude am gemeinsamen Lernen im Mittelpunkt stehen.
Wenn Anne-Cathérine Heinzmann über Musik spricht, fällt ein Wort immer wieder: Balance. Zwischen Technik und Ausdruck, zwischen Disziplin und Freiheit, zwischen dem eigenen Anspruch und der Persönlichkeit jedes einzelnen Studierenden. „Die Essenz des Unterrichtens ist die optimale Balance zwischen Handwerk, Kunst und Mensch“, sagt sie. Für die international renommierte Flötistin ist Musik nie nur eine Frage der Technik. Wer sich ernsthaft mit ihr auseinandersetzen wolle, müsse vieles infrage stellen – häufig auch sich selbst. Seit 2018 hat Heinzmann eine Professur an der Folkwang Universität der Künste in Essen inne und – als Nachfolgerin von Gundhild Ott – einen Lehrstuhl mit großer Tradition übernommen.
Aufgewachsen in einer Musikerfamilie
Geboren in Hamburg und aufgewachsen in einer traditionsreichen Musikerfamilie, war die Nähe zur Musik für Heinzmann selbstverständlich. Ihre Ausbildung begann sie bei dem legendären Flötenpädagogen Jean-Claude Gérard in Stuttgart. Später folgten Studien und künstlerische Impulse bei international gefeierten Persönlichkeiten wie Jeanne Baxtresser in New York und Michael-Martin Kofler am Mozarteum Salzburg. Auch Begegnungen mit den großen Flötisten Aurèle Nicolet und Paul Meisen prägten ihren musikalischen Weg nachhaltig.
Internationale Karriere
Schon früh machte Heinzmann international auf sich aufmerksam. Sie wurde Preisträgerin bei bedeutenden Wettbewerben, darunter beim Kuhlau-Wettbewerb, bei Flute Talk Chicago sowie bei der International Flute Competition Budapest. Gefördert wurde sie unter anderem von der Studienstiftung des deutschen Volkes und der Deutschen Stiftung Musikleben. Wichtige Erfahrungen sammelte sie zudem als stellvertretende Soloflötistin im Opern- und Museumsorchester Frankfurt. Ihre Konzerttätigkeit führte sie auf bedeutende Bühnen Europas – etwa in die Laeiszhalle Hamburg, die Semperoper Dresden oder das Rudolphinum – sowie zu Festivals wie dem Schleswig-Holstein Musik Festival oder den BBC Proms.
Kammermusik als künstlerische Heimat
Neben der solistischen Tätigkeit nimmt die Kammermusik eine zentrale Rolle in Heinzmanns künstlerischem Leben ein. Besonders eng verbunden ist sie mit dem Ensemble Trio Charolca, das sich zu einem der profilierten Ensembles seiner Besetzung entwickelt hat. Mit musikalischen Partnern aus der internationalen Elite der Kammermusik – darunter Paul und Gustav Rivinius, Erik Schumann oder Caroline Widmann – gestaltet sie Programme, die klassische Werke ebenso umfassen wie Musik des 20. und 21. Jahrhunderts. Gerade die zeitgenössische Musik und neue Klangmöglichkeiten faszinieren sie besonders.
Neue Musik: Extreme, die befreien können
Die „aktuelle Musik“ – wie sie zeitgenössische Musik lieber nennt – ist für sie ein großer Teil des „Heute“ und „Jetzt“. „Ich glaube, dass es auf Komponisten eine enorme Faszination ausübt, neue Ausdrucksmöglichkeiten und auch immer freier werdende Formen auszuprobieren und eben auch Traditionen zu brechen. Im Grunde gilt das auch für uns Musiker“, betont sie und hält es deshalb für sehr wichtig, sich mit allen Arten von Musik auseinanderzusetzen. „In der aktuellen Musik erlebt man Extreme, die einen herausfordern, aber eben auch befreien können, weil sie die Möglichkeit bieten, sich ganz individuell ausdrücken zu können. Ich finde, das ist ein wichtiges Erlebnis, sowohl für den Zuhörer als auch für die Interpreten.“ Ihrem Publikum will sie dieses Erlebnis nicht vorenthalten. Deshalb versteht es sich fast von selbst, dass sich ihr Interesse an zeitgenössischer Musik in ihren kontrastreich und intelligent gestalteten Konzertprogrammen niederschlägt. Und selbstverständlich steht neue Musik auch an der Musikhochschule auf dem Lehrplan.
Die Leidenschaft für das Unterrichten
Trotz ihrer internationalen Konzerttätigkeit ist das Unterrichten für Heinzmann weit mehr als eine Nebenaufgabe. Von 2009 bis 2018 leitete sie eine erfolgreiche Flötenklasse an der Hochschule für Musik Nürnberg. Heute profitieren die Studierenden der Folkwang-Universität von ihrer Erfahrung und ihrer Leidenschaft für das Unterrichten. Ein Musikstudium, sagt sie, sei heute anspruchsvoller denn je. „Es erfordert enorm viel Mut, Hingabe und Ausdauer.“ Die Zahl der Orchesterstellen sei begrenzt, das internationale Niveau stark gestiegen. Gerade deshalb sei es entscheidend, den Glauben an sich selbst nicht zu verlieren. Das handwerkliche Erlernen des Instruments ist für sie dabei untrennbar mit musikalischem Ausdruck verbunden. „Unser Atem spielt eine entscheidende Rolle. Vieles dabei ist nicht sichtbar – aber hörbar.“
Individualität statt Einheitsklang
Eine Entwicklung beobachtet Heinzmann mit besonderer Aufmerksamkeit: Die internationalen Klangideale nähern sich zunehmend an. Persönlich geprägte Spielweisen würden seltener. Gerade deshalb legt sie großen Wert darauf, die Individualität ihrer Studierenden zu stärken. „Ich möchte ihre Persönlichkeit fördern und sie auf ihrem eigenen künstlerischen Weg begleiten.“ Dazu gehöre auch, über die Musik hinaus zu denken – und eine Kultur des Reflektierens zu entwickeln.
Neben Professur, Konzerten und Meisterkursen ist Heinzmann regelmäßig als Jurorin bei Wettbewerben tätig. Wie sie all das miteinander verbindet? „Mein Geheimrezept sind vor allem die Leidenschaft und die Freude, die mir meine Arbeit macht – und die wunderbaren Menschen, die mir dabei begegnen“, sagt sie. Gleichzeitig habe sie gelernt, sich bewusst Zeit und Ruhe zu nehmen, um Energie und Kreativität zu bewahren.
Begegnung und Austausch
Diese Haltung prägt auch ihre Begeisterung für Begegnungen in der Flötenszene. 2026 wird sie das Flötenfestival Querwind bereits zum zweiten Mal als Meisterkurs-Dozentin unterstützen. Besonders schätzt sie dort die Mischung aus Amateur- und Profimusikerinnen und -musikern. „Diese Mischung ist eine wunderbare Bereicherung“, sagt Heinzmann. „Vor allem steht eines im Vordergrund: voneinander zu lernen.“ Vielleicht ist genau das das Leitmotiv ihres künstlerischen Lebens – der offene Dialog zwischen Generationen, Erfahrungen und Klangwelten. Oder, wie sie selbst sagt: der Versuch, Handwerk, Kunst und Mensch immer wieder neu in Balance zu bringen.
Martina Faller