Wenn man in den handschriftlichen Chroniken des Musikvereins Ebringen blättert, begegnet man einem Mann voller Disziplin – und voller Menschlichkeit: Adolf Kromer. Von 1919 bis 1934 war er Dirigent beim Musikverein Ebringen und erster Präsident des 1926 gegründeten Vorläufers des Bundes Deutscher Blasmusikverbände. Wie der um 1900 geborene Schriftführer des Ebringer Musikvereins handschriftlich festhielt, stammte er aus Kenzingen und leitete dort die Stadtmusik, bevor ihn sein Weg als Militärmusiker nach Mülhausen im Elsass führte. Nach dem Ersten Weltkrieg ausgewiesen, fand er in Freiburg eine neue Heimat – als Telegrafen-Obersekretär im Brotberuf, als leidenschaftlicher Musikfachmann im Herzen. Zugleich stand er an der Spitze des Freiburger Stadtgarten-Orchesters.
In Ebringen brachte er den Musikverein rasch zu beachtlichen Erfolgen. Doch der Weg dorthin war kein leichter. Die Proben dauerten von 20:00 Uhr bis 23:15 Uhr – meist ohne Pause. Kromer galt als streng, manchmal als „zu streng“, wie Franz notierte. Präzision war für ihn keine Frage des Talents, sondern der Haltung.
Entlohnung in Naturalien
Und doch erzählt die Chronik auch eine andere Seite: die der entbehrungsreichen Nachkriegszeit. Lebensmittel waren knapp, Dirigenten schlecht bezahlt. Wie viele seiner Kollegen dirigierte Kromer bei Landkapellen, um Essbares mit nach Hause zu nehmen. Die Musiker und der Vorstand unterstützten ihn mit „eßbaren Gaben“. Aus Dankbarkeit verzichtete Kromer später auf die Bezahlung von über 100 Proben – eine stille Geste, die mehr sagt als viele Worte. Eine fast filmreife Szene blieb besonders haften: Nach jeder Abendprobe begleiteten ihn zwei Musiker zu Fuß zum Bahnhof nach Schallstadt – denn in Ebringen hielt der Zug noch nicht. Denn Kromer, der gestrenge Dirigent, ging nachts nicht gern allein.
Berlin und der Bruch mit der Reichsmusikkammer
1934 verließ er Ebringen. Eine Berufung an die neu geschaffene Reichsmusikkammer führte ihn nach Berlin. Doch lange blieb er dort nicht. Mit den Verantwortlichen kam er nicht überein, wurde sogar als Präsident des Musikverbandes abgesetzt; der Bund selbst wurde später von dort aus aufgelöst.
So bleibt Adolf Kromer als eine prägende Figur der frühen Blasmusik-Verbandsarbeit in Erinnerung: anspruchsvoll, pflichtbewusst – und zugleich geprägt von Dankbarkeit und persönlicher Verletzlichkeit. Einer, der große musikalische Linien zog und doch im Dunkeln lieber nicht allein ging.
Martina Faller