In den Anfängen der Blasmusik gab es noch keine Vorstände im heutigen Sinne. Die Verantwortung lag bei denen, die das Heft in die Hand nahmen. Bei dem im Jahre 1900 gegründeten Musikverein Oberuhldingen war dies nicht anders. In seiner Chronik ist eine Anekdote zu finden, die Einblicke gibt in eine Zeit, in der die Vereinsverantwortung offenbar bis in den eigenen Kuhstall reichen konnte.

Im Jahr 1900 wird aus der losen Gemeinschaft musizierender Männer eine Musikkapelle. Elf Männer werden als Gründungsmitglieder genannt. An ihrer Spitze steht der gerade einmal 19-jährige Ludwig Berner, der die Kapelle als Dirigent 50 Jahre prägen und zusammenhalten sollte. Geprobt wird dort, wo sich Gelegenheit bietet: in der Stube der Familie Berner oder im Vereinslokal „Storchen“. Einen Vorstand im heutigen Sinne gibt es zunächst nicht. Doch zwei Namen tauchen in der Chronik immer wieder auf: Ludwig Berner und Leo Ley. Gemeinsam tragen sie die Verantwortung für die Geschicke der jungen Kapelle. Und diese Verantwortung ist durchaus handfest. Als neue Instrumente angeschafft werden müssen, geht Ludwig Berner zunächst in Vorleistung. Er bezahlt die Instrumente aus eigener Tasche, während die Musiker die Kosten bei ihm in mühsamen Raten abstottern. Ein Finanzierungsmodell, das heute vermutlich die Kassenprüfer auf den Plan rufen würde – damals aber offenbar dem pragmatischen Geist der Gründungsjahre entsprach.

Nach dem Ersten Weltkrieg ruft Ludwig Berner die Kapelle wieder ins Leben, baut sie beharrlich auf und steuert mit ihr einem besonderen Meilenstein entgegen. Das 25-jährige Jubiläum sollte ein Höhepunkt in der jungen Vereinsgeschichte werden. Doch wie aus den Protokollbüchern hervorgeht, verregnete es dieses gut vorbereitete Fest komplett. Der finanzielle Schaden ist groß, eine Absicherung durch Haftungsregeln und klare Zuständigkeiten gibt es nicht. Für Leo Ley hat dies bittere Konsequenzen. Um die entstandenen Verluste zu decken, wird kurzerhand eine Kuh aus seinem Besitz gepfändet.

Not macht erfinderisch

Was heute wie eine skurrile Fußnote aus einer längst vergangenen Zeit klingt, verweist auf eine durchaus ernste Realität: Wer damals Verantwortung für einen Musikverein übernahm, trug unter Umständen auch ein erhebliches persönliches finanzielles Risiko. Das Amt des Vorsitzenden war kein bloßer Ehrenposten. Es konnte bedeuten, mit dem eigenen Besitz für eine gemeinschaftliche Unternehmung einzustehen. Das verregnete Jubiläum hinterließ nicht nur finanzielle Spuren. Auch Differenzen über die mangelnde Unterstützung durch den Verband führten zu Konsequenzen. Die Oberuhldinger Kapelle trat kurzerhand aus dem Blasmusikverband „Seegau“ aus und orientierte sich fortan stärker in Richtung Österreich und Böhmen. Sparzwang und eine strenge Haushaltsdisziplin waren indes immer noch die Losung, auch beim Notenkauf. Die wurden nun ebenfalls aus Österreich „bezogen“. Von „kaufen“ konnte allerdings keine Rede sein. Denn die bestellten Noten wurden kurzerhand abgeschrieben und mit dem Vermerk „kein Bedarf“ zurückgeschickt. Die Oberuhldinger Musiker wussten sich offenbar zu helfen und ließen sich auch von den größten Widrigkeiten nicht dauerhaft aus dem Takt bringen. Was bleibt, wenn die Kuh längst Geschichte ist? Die Geschichte der gepfändeten Kuh ist mehr als eine amüsante Episode aus dem Vereinsleben. Sie zeigt, wie sehr sich die Rahmenbedingungen des Vereinsmanagements verändert haben und führt uns vor Augen, wie existenziell solche Fragen früher sein konnten. Und dennoch bleibt am Ende ein Schmunzeln und eine Anekdote, die man sich im Vereinsleben gerne weitererzählt. Zumal sich das Ende der Geschichte mühelos positiv umdeuten lässt: Die Musikgesellschaft Oberuhldingen hatte zwar kein trockenes Jubiläum – aber immerhin eine Kuh, die ihren Beitrag zum Fortbestand der Blasmusik leistete.

Martina Faller