Zwischen Holzduft und Maschinenlärm entsteht in einer Ostschweizer Werkstatt eine neue Generation von Alphörnern: Bei Suissewood verbinden Simon Keller und
Christian Scherrer traditionelle Handwerkskunst mit Hightech und Tüftlergeist. Ein Besuch zwischen Fräsrobotern, „Holzschnee“ und der Suche nach dem perfekten Klang.

Der erste Eindruck ist kein Klang, sondern ein Geruch. Süßlich liegt Kirschholz in der Luft, dazwischen die harzige, alpine Note der Arve,
in Deutschland Zirbelkiefer genannt, die auch den stolzen Namen „Königin der Alpen“ trägt. Und irgendwo darunter: ein dunkler, fast schokoladiger Duft von Nussbaum. Es ist ein Duftgemisch, das sich nicht entscheiden kann, ob es Werkstatt oder Wald sein will. Dann setzt ein Dröhnen ein, das jeden Zweifel schnell beseitigt. Ein Fräsroboter frisst sich durch Holz, begleitet vom scharfen Zischen der Absauganlage, und Späne fallen wie Schnee. In der Ecke steht tatsächlich eine Schneeschaufel. „Wenn ich am Fräsen bin, fallen beträchtlich viele Späne an“, berichtet Christian Scherrer. „Dann schneit es regelrecht, manchmal bis zu einem Meter hoch, und dann muss ich tatsächlich Späne schippen“, lacht er. Was anfällt, landet nicht etwa im Müll oder im Feuer, sondern wird an Tierhalter weitergegeben. Christian Scherrer ist die eine Hälfte von Suissewood, Simon Keller die andere.

Zwischen Kaffeemaschine und Druckerfarm

Ihr Arbeitstag beginnt erstaunlich unspektakulär: „Meistens gehen wir zuerst in die ‚Druckerfarm‘ und schauen, was über Nacht passiert ist“, erzählt Simon Keller. Hier stehen aktuell zehn, bald vierzehn 3D-Drucker, die rund um die Uhr arbeiten – auch nachts, auch an Feiertagen. Die müssen laufen“, sagt Simon Keller. „Die Maschinen müssen warm bleiben und immer gefüttert werden.“ Wenn alles läuft, geht es weiter zum Boxen-Stopp an der Kaffeemaschine. Dann wird besprochen, was ansteht, welche Kundenaufträge bearbeitet und welche Pakete versendet werden müssen. Simon Keller und Christian Scherrer machen fast alles selbst, von der Auswahl des Holzes, über Produktion und Preisgestaltung bis hin zu Verpackung, Versand und Werbung über Social Media. „Wir sind keine Instagram-Profis und machen halt, was wir können“, betont Scherrer. Ihre Stärken liegen woanders, das wird schon beim Betreten der Werkstatt klar. Denn die Werkstatt von Suissewood in Rickenbach bei Wil ist kein gewöhnlicher Betrieb. An der Decke hängt ein Alphorn und überall liegen Teile: lange, gebogene Rohre, halbfertige Instrumente, Holzstücke, die schon eine Ahnung davon geben, was sie einmal werden. Die Werkstatt erstreckt sich über drei Stockwerke. Oben: das Holzlager, sorgfältig sortiert, zugeschnitten, gelagert. In der Mitte – das Herz der Produktion: Hier passiert die Feinarbeit, hier wird gedrechselt, geschliffen, geölt und hier werden die Verbindungsstücke angebracht. Unten: die rohe Kraft der Fräsmaschinen mit Lärm, Staub und nie ohne Gehör- und Mundschutz. Und dazwischen, fast wie ein Gegenpol, erklingen aus dem Show-Room immer wieder Alphornklänge. Sie erinnern die beiden an die eigentliche Intention ihrer Arbeit und bringen sie zurück zu den Ursprüngen. „Dann weiß man wieder, wofür man das macht“, sagt Keller.

Zwei Wege, eine Werkstatt

Die Geschichte von Suissewood beginnt nämlich nicht mit einem Businessplan, sondern mit Unzufriedenheit. Als Simon Keller 2017 das AlpenSax entdeckte, war er einerseits fasziniert und begeistert von diesem Instrument, andererseits aber auch unzufrieden mit der Qualität, die es bot. „Das kann doch nicht sein“, dachte er, “dass es zwei Instrumente braucht, um mit Freunden in den zwei gängigen Stimmungen (Fis/Ges und F) zu spielen.“ Also beschloss er, einen Prototyp eines AlpenSax zu konstruieren, mit dem er in beiden Stimmungen spielen konnte. Ein Jahr später erhielt er von einem Freund den Auftrag, ein solches AlpenSax 1.0 zu bauen. Simon Keller verbesserte den Prototypen und mit dem AlpenSax 2.0 entstand ein Instrument, das leicht anzusprechen, elegant und sauber verarbeitet ist und die Möglichkeit bietet, mit Leichtigkeit zwischen Fis/Ges und F zu wechseln. Das erste AlpenSax 2.0 verließ im Februar 2021 seine Werkstatt. Beflügelt durch diesen Erfolg, entschied sich Simon Keller, die Marke Suissewood zu gründen, zunächst in zwei angemieteten Kellerräumen und dem eigenen Wohnzimmer als Show-Room. Später kam Christian Scherrer dazu. Der Schreiner, der schon als Fünfjähriger Alphorn spielte und laut eigener Auskunft – sein ganzes Leben lang in der Musikszene unterwegs war – reparierte als Schreiner Kontrabässe, baute Trommeln und begann irgendwann für Keller Rohlinge zu fräsen. Und weil es mit den  Alphörnern immer mehr wurde, hat er gemeinsam mit Simon Keller voll auf das Alphorn gesetzt. „Logistisch war die Pendelei  zwischen den beiden Werkstätten irgendwann ohnehin nicht mehr machbar“, erklärt Scherrer. Deshalb haben Scherrer und Keller die beiden Werkstätten an einem Standort zusammengeführt und Scherrers große Werkstatt vollumfänglich auf Alphorn umgestellt. „Ein schöner Zusammenschluss“, nennt Scherrer das heute, wenn er zurückblickt.

Traveller als Erfolgsmodell

Heute teilen sie sich die Arbeit, aber nicht die Verantwortung. Beide programmieren die Maschinen, beide tüfteln. Keller ist näher am Kunden und im Verkauf, Scherrer stärker in der Produktion und in der Organisation. Doch eigentlich, sagen sie, läuft alles über beide. Und einig sind sie sich auch in ihrer Arbeitsauffassung: „Das ist kein Beruf“, sagen Keller und Scherrer. „Das ist eine Lebenseinstellung.“ Beide lachen, als sie das sagen, aber es ist ernst gemeint. „Wir haben beide die Krankheit, dass wir gerne tüfteln, gerne Ideen weiterentwickeln und neue Lösungen suchen“, sagt Scherrer. Diese Haltung zieht sich durch alles: Durch das AlpenSax, das aus einer Eigenkonstruktion entstand. Durch die Alphörner, die auf Kundenwunsch dazukamen. Und besonders durch das Traveler-Alphorn – ein Instrument aus dem 3D-Drucker, leicht, kompakt, technisch komplex. „Nach dem 20. Alphorn aus dem 3D-Drucker wollten wir eigentlich die Flinte ins Korn werfen“, sagt Keller. „Wir hatten enorme Probleme. Aber der Klang war so gut. Das hat uns motiviert, weiterzumachen und letztlich haben wir es hingekriegt.“ Heute ist das Traveller ein Erfolgsmodell. „Der Traveller ist ein Renner, das ist fantastisch …“, freut sich Simon Keller. Sich auf dem Erfolg auszuruhen, liegt den beiden Schweizern indes fern. Schnell steht eine neue Idee im Raum: ein Umbausatz, mit dem sich aus dem Traveller ein AlpenSax machen lässt. „Das gibt es nirgends auf der Welt“, betont Scherrer nicht ohne Stolz. Man glaubt es ihnen sofort.

Holz ist nicht gleich Holz

Trotz aller Technik bleibt das Herz der Werkstatt ein Naturmaterial: Das Holz der Bäume Fichte, Ahorn, Kirschbaum, Nussbaum und Arve. Jedes Stück Holz wird geprüft, beklopft, begutachtet. „Man merkt schnell, welche zusammenpassen“, sagt Scherrer. Und genauso schnell, welches sich als widerspenstig erweist. “Widerspenstiges Holz gibt es immer mal wieder. Das kommt schon beim Rohzuschnitt auf die Seite, das lohnt die viele Arbeit nicht!“, sagt Scherrer und Keller ergänzt: „Jedes Stück Holz ist anders und eine Herausforderung für sich. Das ist unser tägliches Brot. Es kommen Risse, Harzgallen und unerwartete Äste zum Vorschein – das sind die Hauptspaßverderber.“ Was er einerseits beklagt, macht andererseits die Schönheit der Handarbeit aus. Denn genauso wie manche Hölzer schon zu Beginn aussortiert werden, überraschen andere mit Farben, Mustern und Nuancen, die man nicht planen kann. Beim Schleifen und Ölen wird das besonders sichtbar. Die Maserung tritt hervor, das Holz beginnt zu leben. „Das ist jedes Mal eine Freude und macht mir jedes Mal bewusst, dass ich ein Einzelstück in Händen halte“, sagt Keller. „Jedes Stück hat seine eigene Schönheit.“ Und seinen eigenen Klang.

Moderne Technik, Präzision und viel Handarbeit

Es gibt Arbeitsschritte, bei denen alles still wird. Zum Beispiel, wenn der Abschlussring am Schallbecher angebracht wird. Eine falsche Bewegung, und eine Stunde Arbeit ist verloren. Oder beim Fräsen. „Wenn ich einen schlechten Tag habe, lasse ich das lieber“, sagt Scherrer. Trotz moderner Technik bleibt vieles Handarbeit. Maschinen liefern die Präzision, aber nicht den Klang und das Gefühl. Das entsteht erst beim Schleifen, beim Anpassen, beim finalen Zusammenfügen. Hier entscheidet sich, ob ein Instrument nur gut – oder besonders wird. „Eigentlich muss jedes besonders gut sein“, sagt Keller. „Sonst kommt es gar nicht erst in den Ausstellungsraum.“ Das Alphorn gilt als Inbegriff von Tradition. Doch in Rickenbach wird diese Tradition nicht konserviert, sondern weiterentwickelt. „Wir spüren keine Grenzen für Innovation“, sagt Keller. Es gibt nur ein Limit: Der eigene Anspruch. „Die Innovation darf die Qualität nicht gefährden.“ Schließlich war und ist die Qualität der Instrumente ihr Antrieb: „Wir wollen, dass die Musiker gute Instrumente und ein gutes Preis-Leistungsverhältnis bekommen“, betonen die beiden Alphornbauer. Was die Suissewood-Alphörner auszeichnet, sind die Steckschraub-Verbindungen. „Das sind hochfeste Verbindungen, die Stabilität geben und sich positiv auf den Klang auswirken“, erklärt Keller. Mit der Frage nach dem perfekten Alphorn-Klang indes tun sich beide schwer. Viel leichter ist es zu sagen, wie der Klang nicht sein sollte, nämlich matt, dumpf und verschlossen. Als Annäherung an den perfekten Klang fallen Begriffe wie Ansprache, Volumen, Rundheit, letztlich aber sei der Klang immer eine sehr persönliche, individuelle Sache. „Es kommt darauf an, wer spielt und mit welchem Mundstück“, weiß Scherrer. Denn auch mit den Mundstücken kann der Sound variabel gestaltet werden. Und da bietet Suissewood eine Riesenauswahl. Nicht von ungefähr: fühlt sich der gelernte Werkzeugmacher Simon Keller doch an der Drechselbank besonders wohl. „Da strahlt er immer“, schmunzelt Scherrer über seinen Partner. Doch von der Drechselbank zurück zur Frage: Was ist nun der perfekte Alphorn-Klang? „Wenn der Kunde glücklich und strahlend nach Hause geht.“

Eine moderne Manufaktur zwischen Tradition und Hightech

In dieser Antwort schwingt viel von ihrer Unternehmensphilosophie mit: Suissewood ist kein anonymer Betrieb und schon gar kein Vertriebshandel, sondern eine Manufaktur, in der aus ausgewählten, qualitativ hochwertigen Materialien und mit hochpräzisen Werkzeugen in 100 Prozent Schweizer Handwerksarbeit qualitätsvolle Alphörner hergestellt werden. Hier sind zwei Paar Hände und zwei Menschen am Werk, die lieben, was sie tun, die sich und ihren musikalischen Hintergrund voll und ganz einbringen. „Wir leben dafür!“, betonen beide. Sie wollen der Marke Suissewood ein Gesicht geben und als Ansprechpartner zur  Verfügung stehen und legen großen Wert auf langfristige, gute Beziehungen zu ihren Kunden. „Das ist ein sehr persönliches Business und wächst zu einer großen Familie heran.“ Und so fahren sie zu Jodlerfesten, Alphorntreffen, sogar nach Stuttgart zur Blasmusik-Messe und schleppen ihren Showroom durch die Gegend, um ihre Alphörner zu den Menschen zu bringen. Doch die Menschen kommen inzwischen auch zu ihnen nach Rickenbach. „Wir erleben jeden Tag eine Überraschung. Es klingelt und da steht jemand aus Mexiko vor der Tür!“, freut sich Keller und lacht. „Und wir dann mit unserem Englisch!“ Die Offenheit ist Teil der Firmenphilosophie. „Wir zeigen gerne unsere Produktion und sind offen für Werkstattbesuche. Viele sind dann überrascht, wie groß und modern das hier ist“, sagt Keller. „Sie erwarten ein kleines Werkstättchen.“ Stattdessen finden sie eine moderne Manufaktur, die den Spagat zwischen Tradition und Hightech mühelos meistert. Am Ende des Besuchs stehe ich wieder im mittleren Stockwerk, im Showroom. Ein Alphorn lehnt an der Wand. Jemand spielt ein paar Töne. Draußen
im Freien wäre der Klang weit getragen worden, über Hügel, vielleicht bis ins nächste Tal. Hier bleibt er im Raum, warm und direkt. Ich denke an die Späne, an den Lärm, an die Schaufel im „Holzschnee“. An die Geduld, die nötig ist, um aus einem Stück Holz ein Instrument zu machen. Und an das, was Keller gesagt hat: Dass es schwieriger war, ein gutes Instrument zu bauen, als daran zu glauben, dass jemand es kaufen würde. Der Glaube war da, die guten Instrumente sind es jetzt auch. Der Rest, scheint es, ergibt sich von selbst.

Text: Martina Faller
Fotos: Christoph Karle