Vier Tage lang drehte sich in der BDB-Musikakademie alles um den warmen, wandelbaren Klang des Saxophons. Denn beim Festival Saxophonia kamen Saxophonbegeisterte aus ganz unterschiedlichen musikalischen Welten zusammen – Studierende, ambitionierte Amateure, Orchestermusiker und Profis. Was sie verband, war die gemeinsame Leidenschaft für das Saxophon – und eine Atmosphäre, die von Neugier, gegenseitigem Respekt und musikalischer Energie geprägt war.
„Ich bin sehr dankbar, dass die Stimmung so schön war und habe die Atmosphäre sehr genossen“, sagt die künstlerische Leiterin Daniela Wahler. Für sie ging die Planung auf und das Festival wurde auch in der Jubiläumsausgabe zu einem Ort, an dem alle Teilnehmenden ihren eigenen Zugang finden konnten: „Jeder Teilnehmer, jede Teilnehmerin hat sein Feld gefunden, in dem er Inspiration tanken und sein Können erweitern konnte.“
Fulminanter Auftakt
Schon das Eröffnungskonzert machte deutlich, wie vielseitig das Saxophon klingen kann. Zwei Stunden lang erlebte das Publikum Saxophonmusik „at its best“. Der Saxophonist Harry White, Patrick Stadler sowie das Jazz-Quintett um Peter Weniger und Ben Kraef spannten einen musikalischen Bogen vom Barock über romantische Klangwelten bis zu Jazzklassikern von John Coltrane. Und nach der Pause sorgte das Ensemble Saxofourte gemeinsam mit Sängerin Kathrin Sälzle für eine mitreißende Mischung aus Tango, Pop und Chanson. Den energiegeladenen Abschluss bildete schließlich „Thunderstruck“ von AC/DC – ein kraftvolles Finale mit allen Mitwirkenden auf der Bühne.
Ein Festivalkonzert voller Klangwelten
Auch das Festivalkonzert zeigte eindrucksvoll, wie viele Facetten im Saxophon stecken. Klassische Kammermusik, zeitgenössische Experimente und pulsierender Jazz standen gleichberechtigt nebeneinander. Harry White und Thomas Sälzle überzeugten mit „Jephthah“ von Carl Anton Wirth – einem bedeutenden Werk der klassischen Saxophon-Kammermusik. Einen starken Kontrast setzte Patrick Stadler mit „implicated amplification“ der Komponistin Sarah Nemtsov. Mit Loop-Schichten, Atem- und Klappengeräuschen, Multiphonics und insistierenden Rhythmen entstand eine intensive, fast obsessive Klangwelt. Nach der Pause verwandelte das Jazz-Quintett um Peter Weniger, Ben Kraef und Tino Derado den Bach-Saal der Akademie kurzerhand in einen Berliner Jazz-Club – mit Klassikern, eigenen Kompositionen und viel Groove.
Ein Wettbewerb voller Klang, Leidenschaft und Talent
Ein besonderes Highlight sowohl des Festivalkonzertes als auch des Festivals insgesamt war der erstmals ausgetragene Saxophonia-Wettbewerb. Für die künstlerische Leiterin Daniela Wahler war er eine „unglaubliche Bereicherung“. „Es war toll mitzuerleben, wie sich die Teilnehmenden von der ersten Probe am Mittwoch bis zum Konzert weiterentwickelt haben. Alle haben einen enormen Sprung gemacht.“ Bemerkenswert war dabei nicht nur das hohe musikalische Niveau, sondern auch die Atmosphäre unter den Teilnehmenden. „Als Gruppe waren sie sehr harmonisch und frei von jedem Konkurrenzdenken. Jeder hat den anderen sein lassen und sich für den anderen gefreut. Das war sehr, sehr schön.“ Auch das Wettbewerbsprogramm zeigte eindrucksvoll die stilistische Bandbreite der Saxophonliteratur. So interpretierte Matti Schwarz auf dem Altsaxophon den dritten Satz „With gaiety“ aus der Sonate op. 19 von Paul Creston. Fabio D’Onofrio präsentierte auf dem Tenorsaxophon den ersten Satz des g-Moll-Konzerts von David Bennett, während Lev Ivanov mit „Maï“ für Altsaxophon solo von Ryo Noda eine virtuose und klangfarbenreiche Solokomposition vortrug. Mit der „Hot-Sonate“ von Erwin Schulhoff zeigte Pierre Marcel Zimmermann die jazzinspirierte Seite des Repertoires. Udo Appel überzeugte mit einer Bearbeitung von „Oblivion“ des argentinischen Tango-Meisters Astor Piazzolla für Sopransaxophon. Für einen besonders mitreißenden Moment sorgte schließlich Malte Hornbostel, der mit „Kuku“ für Sopransaxophon solo von Barry Cockcroft das Publikum begeisterte. Die Klavierbegleitung der Wettbewerbsbeiträge übernahm der Pianist Florian von Radowitz.
Die Gewinner des Wettbewerbs
Nach der Pause wurde die Gewinner bekannt gegeben: Matti Schwarz gewann in der Kategorie Sax4Pro, Pierre Marcel Zimmermann entschied die Kategorie Born4Sax für sich und Malte Hornbostel erspielte sich mit seinem virtuosen Vortrag die Gunst des Publikums und den Publikumspreis. Doch nicht nur die Preisträger machten den Wettbewerb besonders. Die Leidenschaft, der Mut und die musikalische Vielfalt aller Teilnehmenden machten diesen Programmpunkt zu einem der emotionalen Höhepunkte des Festivals – auch für das Publikum. „Der Wettbewerb ist für das Konzert eine enorme Bereicherung“, fand ein Konzertbesucher. „Man hört ganz anders hin!“
Lernen, ausprobieren, wachsen
Für den Saxophonstudenten Malte Hornbostel gab der Wettbewerb den Ausschlag für seine Premiere als Teilnehmer bei Saxophonia. „Das war noch einmal eine ganz andere Motivation, die Stücke vorzubereiten und tiefer in das Material reinzugehen“, erzählt er. Das Festival selbst habe er als „sehr große Gemeinschaft aus vielen verschiedenen Leuten“ erlebt – „sehr abenteuerlich und aufregend“. Auch Jan Klissenbauer (28) aus Aalen und Julian Krauß (24) aus Gerlingen kamen bewusst, um sich musikalisch weiterzuentwickeln. Beide sind engagierte Orchestermusiker und meldeten sich gezielt für die Kammermusik-Kategorie an. Julian profitierte besonders vom Einzelunterricht bei Veronika Hanrath: „Das war der Hammer, was sie mir in kürzester Zeit beibringen konnte. Ich habe so einen Sprung gemacht, das war krass.“ Jan wiederum nutzte den Unterricht bei Daniela Wahler, um an seiner Fingertechnik zu arbeiten. „Wir haben viel gesprochen und ich habe viele praktische Tipps bekommen, wie ich meine verkrampfte Haltung lösen kann.“ Doch nicht nur im Unterricht lernten die beiden viel. „In unserem Oktett waren zwei studierte Profis. Beim Essen haben wir über nichts anderes geredet – das war wie eine zusätzliche Lehrstunde“, erzählt Julian. Für Jan steht fest: „Das war ein richtig guter Austausch.“ Beide sind sich einig: „Wir kommen auf jeden Fall wieder zu Saxophonia!“
Musik wie Urlaub
Dass Saxophonia nicht nur junge Talente anzieht, zeigt das Beispiel von Christiane Stingel. Die 68-jährige Chemikerin macht seit ihrer Kindheit Musik, zunächst Querflöte, später auch Saxophon. Heute musiziert sie in mehreren Orchestern in Solingen – und ist Stammgast bei Saxophonia. „Ich komme gerne wieder. Wir machen tolle Musik, man kann tolle Konzerte hören und man lernt sehr viel“, sagt sie. Die Atmosphäre in der Akademie beschreibt sie mit einem Lächeln: „Das Haus ist schön, man fühlt sich wohl hier – das ist wie Urlaub für mich, mit viel Musik. Was gibt es Schöneres?“ Beim Saxophon-Orchester fasziniert sie besonders das gemeinsame Klangerlebnis: „Es ist bombastisch, wenn man so eine Gruppe Saxophone zusammen hört!“ Entscheidend sei dabei auch die Detailarbeit im Ensemble: „Ich liebe es, wenn der Dirigent Wert auf Details legt und man aus scheinbar einfachen Noten gemeinsam gute Musik macht.“
Ein großes Finale
Das Abschlusskonzert wurde schließlich zu einem eindrucksvollen Querschnitt durch alle Festivalbereiche. Zunächst aber gratulierten mehr als 80 Musikerinnen und Musiker dem Bund Deutscher Blasmusikverbände zu seinem besonderen Jubiläum: 100 Jahre BDB. Mit einem musikalischen „Ständerle“ unter der Leitung und mit einem Arrangement von Harry White wurde der Glückwunsch kurzerhand in grandiosen Klang verwandelt. Ohnehin wurde das große Saxophon-Orchester unter der Leitung von Harry White zu einem besonderen Höhepunkt des Abschlusskonzerts. Mit seinem satten Klang erfüllte es den Saal und zeigte eindrucksvoll die Kraft des gemeinsamen Musizierens.
Anschließend präsentierten Solistinnen und Solisten ihre erarbeiteten Stücke mit sichtbarem Stolz und großer musikalischer Qualität. Auch in den Ensembles zeichnete sich große Gelingensfreude auf den Gesichtern ab. Überzeugten sie Musizierenden doch – sowohl in klassischen Formationen als auch in den Jazz-Gruppen, die erstmals von einer Jazz-Combo begleitet wurden. Ein Experiment, das für frische Klangfarben und viel Begeisterung sorgte.
Begegnungen, die bleiben
Am Ende bleibt ein Festival voller Begegnungen, Inspiration und musikalischer Entdeckungen. Oder, wie es die künstlerische Leiterin Daniela Wahler zusammenfasst: Saxophonia ist ein Ort, an dem Menschen zusammenkommen, voneinander lernen und gemeinsam wachsen – musikalisch und menschlich. Genau das habe man in diesen Tagen in der BDB-Musikakademie überall spüren können.