Von den Anfängen 1926 als regionale Organisation bis zum heute bundesweit vernetzten Verband: Der BDB prägt Musikvereine, fördert Bildung und Gemeinschaft. Im Interview blickt BDB-Präsident Dr. Patrick Rapp MdL auf die 100-jährige Geschichte des Dachverbandes, spricht über die Herausforderungen im Spannungsfeld zwischen Tradition und Innovation, entwirft Zukunftsvisionen und skizziert den Jubiläumsfahrplan. Dessen Motto ist eine Aufforderung an alle: „Feiert mit!“
– Präsident Dr. Patrick Rapp MdL im Interview –
blasmusik: Herr Dr. Rapp, der Bund Deutscher Blasmusikverbände kann 2026 auf 100 Jahre Geschichte zurückblicken. Was macht diese lange Entwicklung für Sie besonders bemerkenswert?
Rapp: Dieses Jubiläum ist für uns weit mehr als eine Zahl. Es steht für ein Jahrhundert organisierte Blasmusikkultur, für Zusammenhalt über Generationen hinweg – und für die starke Verwurzelung unserer Verbände in der regionalen Kulturgeschichte. Was mich besonders beeindruckt, ist die Kontinuität und Anpassungsfähigkeit unseres Verbandes über ein Jahrhundert hinweg. 1926 entstand der BDB als Zusammenschluss regionaler Musikverbände mit dem Ziel, Musikvereine zu unterstützen, die musikalische Qualität zu fördern und die Blasmusik in der Gesellschaft zu verankern. Über die Jahrzehnte haben sich die Rahmenbedingungen immer wieder verändert – politische Umbrüche, gesellschaftliche Entwicklungen, technologische Innovationen – und trotzdem hat der Verband seinen Auftrag nie aus den Augen verloren. Heute sehen wir, dass der BDB nicht nur ein Netzwerk für die Vereine ist, sondern eine Plattform, die musikalische Bildung, kulturelle Förderung und den Austausch zwischen Generationen aktiv unterstützt. Es ist faszinierend, wie die Vereine über Jahrzehnte gewachsen sind, sich modernisiert haben, aber zugleich ihre Wurzeln in der Tradition nie verloren haben. Die Entwicklung zeigt eindrucksvoll, dass Musikvereine mehr als nur Klangkörper sind: Sie sind kulturelle Institutionen, soziale Treffpunkte und Orte der Identität für ihre Mitglieder.
blasmusik: Wie würden Sie den Wandel der Musikvereine von 1926 bis heute in einem Satz zusammenfassen?
Rapp: Musikvereine haben sich von lokalen, oft dörflichen Kapellen zu offenen, generationenübergreifenden Zentren kulturellen Lebens entwickelt, die nicht nur musikalische Bildung vermitteln, sondern auch gesellschaftliche Verantwortung übernehmen. Während früher die Vereine hauptsächlich musikalische Darbietungen organisierten, sind sie heute multifunktionale Orte: Sie verbinden Menschen verschiedener Altersgruppen, gestalten das gesellschaftliche Leben aktiv mit, integrieren moderne Musikrichtungen, digitale Medien und neue Veranstaltungsformate. Sie sind lebendige, sich ständig weiterentwickelnde Institutionen, die Tradition und Innovation miteinander verbinden.
blasmusik: Welche gesellschaftliche Bedeutung hat die Blasmusik – damals wie heute?
Rapp: Bereits in den 1920er-Jahren war Blasmusik ein zentraler Bestandteil des kulturellen Lebens in Deutschland. Musikvereine gaben den Menschen Orientierung, Gemeinschaft und ein Ventil für Kreativität. Heute hat die Blasmusik diese Funktion weiter ausgebaut: Sie fördert soziale Kompetenz, Teamgeist, Durchhaltevermögen und musikalische Bildung – alles Fähigkeiten, die weit über den Verein hinaus relevant sind. Gleichzeitig öffnen sich Musikvereine neuen Impulsen, etwa durch Crossover-Projekte, moderne Konzertformate oder digitale Angebote. Die Blasmusik bleibt somit lebendig, attraktiv und anpassungsfähig, ohne ihre traditionelle Identität zu verlieren.
blasmusik: Wie gelingt es dem BDB, Tradition und Moderne miteinander zu verbinden?
Rapp: Das gelingt uns durch eine bewusste Balance zwischen Bewahrung und Innovation. Einerseits bauen wir auf historisch gewachsene Strukturen, die sich über Jahrzehnte bewährt haben: Probenmethodik, musikalische Standards, Gemeinschaftserlebnisse im Verein. Andererseits setzen wir gezielt auf neue Impulse: moderne Fortbildungsangebote für Musikerinnen und Musiker, innovative Konzertformate, digitale Lernplattformen, Vernetzung über Landesgrenzen hinweg und die Förderung neuer Musikliteratur. Diese Kombination ermöglicht es den Vereinen, die musikalische Qualität zu halten, junge Menschen zu begeistern und zugleich flexibel auf gesellschaftliche Entwicklungen zu reagieren. Besonders wichtig ist dabei das Ehrenamt: Es ist das Fundament, das alle Aktivitäten trägt. Ohne die Motivation und das Engagement der Vereinsmitglieder könnten weder Tradition noch Innovation erfolgreich umgesetzt werden.
blasmusik: Das Vereinsleben hat sich gewandelt! Das betrifft auch die Art und Weise, wie Jubiläen gefeiert werden. Die meisten Vereine haben sich vom traditionellen Festbankett verabschiedet und gestalten zeitgemäßere Feierlichkeiten. Wie feiert der BDB?
Rapp: Sie haben völlig recht: Das klassische Festbankett mit Grußwort und Menüfolge entspricht heute nicht mehr automatisch den Erwartungen eines lebendigen Vereinslebens. Auch wir im BDB wollten kein punktuelles Jubiläum, sondern ein ganzes Jubiläumsjahr gestalten – vielfältig, offen und erlebbar. Unser Motto lautet deshalb ganz bewusst: „Feiert mit!“ – und zwar auf ganz unterschiedliche Weise. Wer aktiv musizieren möchte, findet 2026 zahlreiche Möglichkeiten: vom BigBandBootCamp, Jam-Sessions in der Louis-Bar sowie unsere Festivals wie „Saxophonia“, „Clarimondo“, „Querwind“ oder „Hornissimo“ bis hin zu den beiden Musik-Camps im August. Dort werden eigens zum 100-jährigen Bestehen in Auftrag gegebene Werke von Steven Bryant und Mario Bürki uraufgeführt – ein starkes Zeichen dafür, dass wir nicht nur auf Geschichte blicken, sondern Repertoire für die Zukunft schaffen. Ein besonderer Höhepunkt wird zudem die Projektphase mit dem Weltjugendblasorchester und dem Welterwachsenenorchester im Juli sein – ein internationales Signal für die verbindende Kraft der Blasmusik. Wer lieber als Konzertbesucher dabei ist, kann Jubiläumskonzerte, Festivalformate oder den großen „Gründungstag“ am 19. September 2026 erleben. Andere möchten vielleicht stöbern, entdecken und netzwerken – etwa bei unseren Messeauftritten auf der akustika Nürnberg oder der BRAWO Stuttgart.
Das Jubiläum kann also ganz unterschiedlich und bei vielen verschiedenen Veranstaltungen mit Jubiläumsfaktor erlebt werden:
- als aktiv Musizierender in Kursen, Orchestern oder Festivals,
- als Konzertgast bei Uraufführungen und Jubiläumsevents,
- als Dirigentin oder Dirigent beim Festival der Orchesterleitung,
- als junger Mensch im Musik-Camp,
- als Ehrenamtliche oder Ehrenamtlicher im Austausch,
- oder einfach als musikbegeisterter Besucher.
Wir feiern nicht rückwärtsgewandt, sondern mitten im Leben – verteilt über das ganze Jahr, an vielen Orten, in vielen Formaten. So spiegelt unser Jubiläum genau das wider, was der BDB heute ist: ein moderner, offener und beweglicher Verband, der Tradition pflegt und zugleich Zukunft gestaltet.
blasmusik: Der 19. September 1926 ist als neues Gründungsdatum in die Geschichte des BDB eingegangen. 100 Jahre später werden an diesem Tag die Höhepunkte des Jubiläumsjahres stattfinden. Können Sie schon verraten, was geplant ist?
Rapp: Der 19. September 1926 markiert den historischen Ursprung unseres Verbandes – und genau 100 Jahre später wollen wir diesen Tag nicht nur würdig begehen, sondern die Arbeit des Verbandes und der BDB-Musikakademie erlebbar machen und gleichzeitig den Vereinen eine Plattform geben. Der Samstag, 19. September 2026, steht ganz im Zeichen unseres „Gründungstags“. Wir beginnen mit einem feierlichen Sektempfang mit einem eigens aufgelegten „Jubiläums-Sekt“. Geladene Gäste aus Politik, Kultur und Verbandswesen werden mit uns auf ein Jahrhundert organisierte Blasmusik anstoßen. Musikalisch umrahmt wird der Empfang von einem Chor, der uns mit einem Geburtstagsständchen gratuliert. Am Abend folgt ein festliches Event mit besonderen Showacts, die Tradition und Moderne miteinander verbinden – ganz im Sinne unserer Verbandsgeschichte. Parallel dazu wird es einen „Historic Room“ geben, in dem die Entwicklung des Bundes von der Gründung 1926 bis heute multimedial und interaktiv erfahrbar wird. Im Foyer schaffen wir mit Bar-Jazz und Meet & Greet eine Atmosphäre, die Begegnung und Austausch ermöglicht. Der Sonntag, 20. September 2026, gehört dann ganz bewusst der Basis – unseren Musikerinnen und Musikern, Vereinen und Familien. Auf dem Außengelände findet von 10:00 bis 16:00 Uhr ein großer Instrumenten-Flohmarkt statt, begleitet von Foodtrucks und einem offenen Festivalcharakter. Eine Schlechtwetter-Alternative wird es bewusst nicht geben – wir setzen auf die Strahlkraft dieses besonderen Wochenendes. Parallel öffnen wir die Türen der BDB-Musikakademie mit vier offenen Kursangeboten zum Kennenlernen und um ganz konkret zu zeigen, wofür der BDB heute steht – Bildung, Nachwuchsförderung und musikalische Qualität. Auch der „Historic Room“ wird am Sonntag nochmals zugänglich sein. Zudem präsentieren wir im Foyer die vielfältigen Initiativen des BDB – von der Bläserjugend über „music4beginners“ bis hin zu „ZukunftVerein“. Ein besonderes Zeichen setzen wir gemeinsam mit Akosiwa e. V.: Instrumente können für einen guten Zweck gespendet werden, und auch ein Teil der Standgebühren des Flohmarkts fließt in dieses Engagement. Damit verbinden wir unser Jubiläum mit gesellschaftlicher Verantwortung. Kurz gesagt: Wir feiern nicht nur 100 Jahre Geschichte – wir zeigen, wie lebendig, vielfältig und zukunftsorientiert der Bund Deutscher Blasmusikverbände heute ist.
blasmusik: Wie sieht Ihre Vision für die nächsten Jahrzehnte aus?
Rapp: Meine Vision ist ein starker, vernetzter Verband, der praktische Unterstützung, Inspiration und nachhaltige Perspektiven für seine Vereine bietet. Wir wollen die musikalische Bildung weiter professionalisieren, junge Menschen für die Vereinsarbeit begeistern, neue Generationen an Ehrenamt und Verantwortung heranführen und gleichzeitig die musikalische Vielfalt bewahren. Blasmusik soll weiterhin Menschen aller Altersgruppen verbinden, Brücken zwischen Kulturen schlagen und lebendige Gemeinschaften fördern. Ich wünsche mir, dass unsere Vereine auch in 50 Jahren noch Orte der Begegnung, der Kreativität und der Freude an Musik sind – und dass der BDB sie auf diesem Weg aktiv unterstützt.