Kunst war schon immer auch der Versuch, das Leben zu verstehen, es erträglicher zu machen, ein “Dennoch” zu formulieren – und Mut zu machen. Ob Heinrich Schütz 1628 mit seiner Trauermusik den Tod seiner Frau zu verarbeiten sucht und gegen den Krieg anmusiziert, ob der ungewollte Schwiegersohn Robert Schumann 1839 seine “tiefe Klage” um Clara, die er nicht heiraten darf, wortlos in seiner großen C-Dur-Fantasie herausschreit – die großen Themen bleiben. Und kaum jemand hat sie in der Geschichte der Rockmusik in einer so intensiven, direkten Sprache und Musik angepackt und zugänglich gemacht wie Udo Lindenberg. Der Sprachakrobatiker und Tonjongleur Lindenberg mixt sich scheinbar Ausschließendes “ganz easy” ineinander, entwirft mit seinem Panik-Team poetische Stolpersteine und zaubert aus dem Alltagsgrau knallbunte und zartfarbige Poesie: Da entsteigt der “Phönix” “der Flasche”, spielt der “Leibmusikalartist” zum “Sündenknall” und zur “Götterhämmerung” auf, ist die “Trauer im Gesicht” doch “nur das Kneipenlicht”. Der Tod seiner Freundin, der seines Bruders, Verlust und Gewissheit, Abstürze und Neuanfänge – für alles findet er berührende, oft sparsam-melancholische Sprachbilder und eine einfühlsame Musik, die die Herzen Tausender “repariert” und allen unermüdlich zuruft: “Hinterm Horizont geht’s weiter”. “Aus meinen großen Schmerzen mach ich die kleinen Lieder” – dass man sich diese Zeilen Heinrich Heines gut in Udos heiser-brüchiger Nuschel-Stimme vorstellen kann, liegt vielleicht auch daran, dass seine Kunst spürbar von seiner Liebe zur Dichtung (Hesse, Brecht, Rilke), von der Musik ohne E’s und U’s und von der Malerei – seiner dritten großen Affäre – lebt : Ein unermüdlicher und unbekümmerter Grenzüberschreiter, der den Ost-Oberindianern und “Honey” Erich Honecker so lange auf der Nase, sprich: auf der Mauer der deutschen Trennung herumtanzte (inkl. Akteneinträge bei der STASI), bis sein legendärer “Sonderzug nach Pankow” mit der Musik Glenn Millers auch diese Grenze niederrockte.

Dabei ist sein Einsatz für die deutsche Sprache, die er als Pionier in der bis in die 70er Jahre rein anglo-amerikanischen Rockszene eingeführt hat und damit den Weg für den deutschen Rock ebnete, immer auch einer für Land und Leute. Mit seinen karitativen Stiftungen und seinem “Panikpreis” unterstützt er junge Bands, die auf Deutsch singen – dabei leistet er gleichzeitig einen großen Beitrag zur Rezeption seines Lieblingsautors Hermann Hesses, dessen Werke er von den jungen “Sternenputzer*innen” vertonen lässt. Mit seiner langjährigen Arbeit in sozialen Brennpunkten, in Schulen und vor allem in Afrika ist immer das Ziel verbunden, Kindern und Jugendlichen über gemeinsames Musizieren Mut und Selbstbewusstsein zu geben und ihnen eine bessere Zukunft zu eröffnen. “Gitarren statt Knarren”: Immer schon war Udo Lindenberg in seinen Songs ein hellwacher Chronist der BRD, die er in seinem Engagement gegen Krieg, soziale Mißstände und Rassismus nun zunehmend als eine Art “Elder Statesman” der Rockmusik begleitet. Er will einen “Club der Hunderjährigen” gründen, hat der fast 80jährige, vielfach ausgezeichnete Udonaut, der wieder einmal als “Komet” die deutschen Charts durchrauscht und alle Rekorde knackt, in einem Interview gesagt: Mit seinem Gesamtkunstwerk ist dem “Musicus poeticus” der Rockmusik, der gerne mit Musik von Robert Schumann, Gustav Mahler, Kurt Weill und Lady Gaga joggen geht, ein Hotel-Zimmer im Club der 400- und 500-Jährigen sicher – keine Panik.

Text: Edda Güntert

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