Meister der Harmonien

Sind die Instrumente etwa falsch gestimmt? Was sind das für Klänge? “Dissonanzen ohne Ende, viel Lärm, Furor, Getöse und Turbulenz – nichts, das ans Herz gehen könnte…” Es sind die Harmonien, die den Kritiker des einflussreichen Mercure de France 17 .. vermisst (zit. nach Zednik) – und das bei einem Komponisten, der als “Vater der Harmonielehre” gilt. Nicht das erste Mal, dass Rameau, ein eigenwilliger Querkopf und visionärer Nonkonformist, mit seiner Musik, aber auch mit seinen mathematisch-physikalischen Forschungen zur Natur der Klänge, zu Akkorden, ihrer harmonischen Beziehung untereinander und zum “basse fondamentale” polarisiert: Über Jahrzehnte hatte der große Jean-Baptiste Lully, Hofkapellmeister des Sonnenkönigs Ludwig XIV., das Musikleben Frankreichs mit seinen Opern und Balletten bestimmt. Dagegen war nur schwer anzukommen – “bis endlich Rameau gekommen ist… und durch die Tiefenwirkung einer Harmonien… der mit seiner Musik eine neue Kunst geschaffen hat”, so der große Philosoph und Dichter Voltaire, der für Rameau, seinen “Helden der Sechzehntel” das Libretto für die Oper “Samson” schrieb – sich dann aber doch an Rameaus zunehmender theoretischer “Zahlenklauberei” störte. Über Jahrzehnte hatte sich Rameau, ursprünglich Organist und von der sakralen Musik her kommend, in die Geheimnisse der schon im Mittelalter als der Mathematik zugehörigen Wissenschaft (“Science des sons”) vertieft: Sein 1722 erschienener “Traité de l’harmonie”, einer der wichtigsten Traktate in der Geschichte der Musiktheorie und die ihm nachfolgenden Schriften werden zu Gründungsurkunden der modernen funktionellen Harmonielehre. Ganz im Sinne Aufklärung suchte Rameau das den musikalischen Erscheinungen seiner Zeit innewohnende Prinzip durch genaue Analyse und ein logisches System der Akkorde und ihrer Fortschreitungen zu entwickeln. Ausgehend von Schwingungsverhältnissen und der Naturtonreihe wurde ihm der Dreiklang und davon ausgehend die Harmonie und ihre Entfaltung, gebunden an das Fortschreiten des Fundamentalbasses, zum Zentrum allen Komponierens. Die Dissonanz war ihm dabei treibendes Moment: Wie in der Mechanik, sah Rameau im Aufeinanderprallen der Töne (z. B. im Septakkord) die Impulse, aus der Musik Intensität und fortschreitende Kraft gewinnt.

In seiner Musik setzte der “Newton der Musik” praktisch um, was ihn theoretisch umtrieb : Vor allem seine Klavierwerke (Pieces de clavecin) werden zum Spielfeld, auf dem Rameau eindrucksvoll zeigt, zu was eine derart ausgeweitete, in Dissonanzen und Enharmonik wandlungsfähige Harmonik in der Lage ist: Oft wie improvisiert wirkend, bezaubern die Klavierstücke durch subtile Farbschattierungen, delikate Ornamentik, verschlungene Modulationen und überraschende, chromatisch leuchtend eingefärbte Wendungen (z. B. “L’enharmonique”), die Rameau für seine wie mit feinen Pinselstrichen gezeichneten, an die Zeichnungen Sybille Merians oder Gemälde Watteaus erinnernde Charakter-, Natur- und Tierstudien einsetzt. Alles andere als theoretisch “verkopft”, weisen seine Genrestücke, in denen er das perlende Gelächter einer jungen Frau (“la joyeuse”), Stürme und Gewitter, Szenen mit Volksmusik, aber auch das Gackern, Picken und Flügelschlagen einer Henne (La poule) nachzeichnet, auf die poetischen Klavierstücke, die “Szenen”, “Albumblätter” und “moments musicaux” der Romantik etwas eines Robert Schumann oder Edvard Grieg. Vor allem aber faszinierten diese frühen musikalische Impressionen Claude Debussy, der sich als einer der ersten leidenschaftlich für das Werk seines “Zeitgenossen” einsetzte und in einen künstlerischen Dialog (“Hommage a Rameau”) mit ihm trat, nachdem sein Werk – anders als im etwa im Falle Bachs oder Händels, deren Werk im 19. Jahrhundert eine Renaissance bzw. anhaltende Pflege erlebt hate – in Frankreich über Jahrzehnte nahezu vergessen war.

Als Rameau, mittlerweile Chevalier und Hofcompositeur Ludwigs XV., mit über 50 Jahren beginnt, Opern zu schreiben und mit der “Tragédie lyrique” das zentrale “Kampffeld” französischer Musik betritt, weitet sich sein Spielfeld aus, wuchsen auch … viele Stücke, die dann tatsächlich Orchesterstücke wurden: Die geradezu “symphonische” Ausdruckskraft, die er seiner Musik durch seine avancierte Harmonik, seine innovative Instrumentation (Rameau besetzt als einer der ersten sein Orchester mit Klarinetten, was einen jungen Geiger und späteren Blasmusik-Pionier namens Francois-Joseph Gossec nachhaltig beeindruckt), zuwachsen lässt, ließ das Publikum .. – lässt die Orchestermusiker, die das alles ziemlich mitnimmt, aber auch schon mal in Streik treten. Die geballte Macht der Harmonie als “Mutter der Melodie” im Verein mit den sich zunehmend im Theoretisieren verlierenden Forschungen Rameaus führte zu schärfsten DIssonanzen – einmal zwischen den Anhängern der Opern Lullys und den modernn “Rameaunisten”, ein paar Jahre später zwischen diesen un den Anhängern Rousseaus, der im Sinne seines “retour a la nature” die Melodie als ursprünglichen Kern aller Musik ansah, mit Rameaus komplexer mathematik- und physikbegründeter Harmonik alles andere als d’accord war und sich entsprechend auf die melodiöse Seite der italienischen “Buffonisten” mit ihrem Star Giovanni Battista Pergolesi schlug. Mit dem sog. “Piccinisten”-Streit ballte sich die nächste Dissonanz zusammen… das müsste man noch beschreiben! vielleicht hier auf Gluck verweisen?! WÄre nicht schlecht, denn seine Musik ist der von Gluck weniger vom “Charakter” als von der Anlage her nahe – auch hier schon besondere Balance zwischen vokalen und instrumentalen Anteilen, “Symphonisierung der Oper” siehe PRogrammheft Elphi zu Gluck und Rameau! Und: Darstellung von Emotionalität in Arien, etwas von Alphise und Telaira!

Rameaus Musik forderte, ja forderte heraus – nie aber ließ und lässt sie gleichgültig, im Gegenteil: Wem der rhythmische Groove seiner Musik zu “Les Sauvages” aus seiner .. “Les Indes galantes” (Die galanten Inder bzw. eigentlich Indianer), deren exotische Reisebilder rund um den Globus Rameaus harmonisches Farbenfeuer …, in die Beine fährt und sich an den skurrilen Charakterstudien seiner komischen Oper “Platée” erfreut, versteht, warum sich schließlich auch Rousseaus Groll versöhnlich in seinen Worten vom “hervorragendste(n) musikalische Werk, das jemals auf unserem Theater zu hören war” kadenziert.
Und wer sich in den zeitenthobenen, fast vorromantisch schwelgenden Orchester- und Chorwogen seines “Tendre amour” verliert oder angesichts der weit aufgespannten Klangwelten, die den Auftritt der Muse Polyhymnia in “Les Boreades” (erst 200 Jhre nach seinem Tod uraufgeführt!) egleiten, staunend fragt,, wie solche Musik um 17. .. möglich war, versteht, warum Camille Saint-Saens Rameau “das größte musikalische Genie” nannte, “ das Frankreich hervorgebracht hat.“

Text: Edda Güntert

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