Barock = Vivaldi = Vier Jahreszeiten: Ein scheinbar harmonischer Dreiklang, der in Telefonwarteschleifen und Klingeltönen dauerpräsent ist – der aber Vivaldi eher von uns entfernt. Dass einzelne “Hits” den Blick auf das eigentliche Werk verstellen, ist ein Schicksal, das der nach Jahren des Ruhms als unangefochtener “maestro assoluto” 1741 verarmt in Wien verstorbene Venezianer Vivaldi mit vielen Komponisten teilt. Hinter den Violinkonzerten der “Vier Jahreszeiten”, in denen er ebenso virtuos wie ideenreich Natur und menschliches Leben im jahreszeitlichen Wandel musikalisch nachzeichnet und in denen er das Ausdrucksspektrum des Solo-Instruments in kühner Weise auskostet, steht ein riesiges Werk verschiedenster Gattungen: Neben rund 460 Orchesterwerken bzw. Konzerten für verschiedene Blas-, Streich- und Zupfinstrumente schuf Vivaldi meisterhafte Werke für die Orgel, überirdische schöne geistliche Werke und über 90 Opern, von denen einige (der berühmten Mezzosopranistin Cecilia Bartoli und Barock-Spezialisten sei Dank) seit den späten 90ern nach und nach wiederentdeckt werden. Dank der Entdeckerlust historisch informierter Ensembles, die das geglättete Vivaldi-Bild auf den Kopf stellen, haben auch die lange im bildungsbürgerlichen Schönklang verharrenden “Vier Jahreszeiten” in den packenden Aufnahmen der letzten Jahre eine Frischzellenkur erfahren, die erst klarmacht, warum Komponisten im 18. Jahrhundert nach Venedig pilgerten, um vom Erfinder des dreisätzigen Konzertes zu lernen – und warum nicht nur Johann Sebastian Bach seine Musik abschrieb und in zahlreichen Bearbeitungen lebendig hielt. Eine Musik, so farbig, temperamentvoll, extravagant und „groovy“, dass Jazzer und Arrangeure ihre Freude daran haben – so dramatisch aber auch wie das Leben des “Prete rosso”, des rothaarigen Priesters, der zahlreiche Werke als Lehrer für die hochbegabten Mädchen eines venezianischen Waisenhauses schrieb (das erste Frauen-Orchester der Welt!) – und dessen Werk fast 200 Jahre vergessen war, bis im Jahre 1926 Handschriften in einem piemontesischen Kloster auftauchten: Der Beginn einer Vivaldi-Renaissance, die bis heute anhält und die uns mit jedem neuen wieder aufgefundenen Werk, jeder neuen Aufnahme ein weiteres glanzvolles Mosaikstück seines umfassenden Schaffens schenkt.

Was man hören sollte:

  • Bläser finden bei Vivaldi einen reichen Schatz: Seien es die Oboen- und Fagottkonzerte, die sechs Flötenkonzerte, darunter “La Notte” und “Il Gardellino” (Der Distelfink) oder die Werke für Trompete, darunter das Konzert C-Dur für zwei Trompeten und Orgel (RV 537).
  • Vivaldis geistliche Musik gehört zum Schönsten, was die Vokalmusik zu bieten hat – darunter das “Gloria” D-Dur RV 589, das “Nisi dominus” RV 608, vor allem das doppelchörige “Dixit Dominus” RV 597, das an die alte venezianische Mehrchörigkeit anknüpft und eine zweite bedeutende spätbarocke Vertonung neben Händels Meisterwerk darstellt.
  • Grandiose Opern-Arien, z. B. die gefühlvolle Mezzo-Arie “Dite Ohimè” aus La fida ninfa RV 714, das von zwei Flöten lieblich begleitete “Di due rai languir costante” (RV 749) oder die teuflisch schwere Koloraturarie “Agitata da due venti” (aus: Griselda, RV 718).
  • A proposito: Astor Piazzollas Tango-Zyklus “Las cuatro estaciones portenas” ist eine Verneigung vor Vivaldis “Vier Jahreszeiten”. Bearbeitungen wie z. B. Aliage Saxophone Quintett.

Text: Edda Güntert

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